Die Anzahl (populär)wissenschaftlicher Beiträge zur Analyse und Kritik des globalen Finanzsystems ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Bislang aber fehlte es an einer umfassenden Gesamtschau. Dass diese nun vorliegt, ist Dirk Sollte, dem Stellvertretenden Leiter des „Forschungsinstituts für angewandte Wissensverbreitung“ (FAW/n) in Ulm zu verdanken. Die Ergebnisse seiner profunden Abhandlung sind – wie kaum anders zu erwarten – ernüchternd, und können wie folgt zusammengefasst werden: Da es keine konsistente Ordnung für das Weltfinanzsystem gibt, der Kapitalverkehr staatliche Grenzen und steuerliche Hürden bisher ignorieren kann und Staaten daher zunehmend in einem immensen Standortwettbewerb stehen, der zur Steuerdumping führt, wird die Umverteilung von Einkommen und Vermögen von unten nach oben weiterhin zunehmen. Sollte sich das nicht ändern, sei mit dem Zusammenbruch der weltweiten Finanzstrukturen in den kommenden 10 bis 20 Jahren, warnt Solte. „Mit dem vorliegenden Text werden“, so der Verfasser, „keine Vorwürfe gegen bestimmte Marktakteure erhoben (…) es sei aber durchaus das Ziel der Publikation, auf „als problematisch“ einzustufende Entwicklungen hinzuweisen“ (S. 24f.).

 

Solte gelingt dies eindrucksvoll, indem er einleitend auf die Entwicklung des Weltfinanzmarktes eingeht: Von 1970 bis 2005 hat das Gesamtfinanzvermögen um das 30-fache zugenommen und „ergibt für Ende 2005 ein Volumen von Geld und handelbaren Finanzprodukten einen Nominalwert von fast 150 Billionen $“ (S. 27). Vor allem schuldenbasierte Finanzierungen, Steuerdumping und Finanzmarktderegulierung tragen zu dieser Entwicklung bei. Da „prinzipiell von einer Unbegrenztheit des Emissions- und Transaktionsvolumens von Geldsourrogaten’ auszugehen sei“ (S. 44), sei ein Ende dieser Entwicklung vorerst nicht absehbar. Da bei der fortschreitenden Verschuldung der „Governmental Agencies“, die sich der „ Aushübschung“ von Krediten und der „ Privatisierung“ öffentlicher Verschuldung verschrieben haben, das „ Prinzip Hoffnung“ vorherrsche, gehöre „ Wirtschaftswachstum auf Pump“ zum täglichen (hoch honorierten) Geschäft. Eine Entwicklung übrigens, bei der Europa gegenüber den USA kräftig aufrollt.

 

Ausführlich beschreibt Dirk Solte die hinter diese Entwicklung stehenden Mechanismen (etwa die Rolle von Schuldverschreibungen insbesondere im Dollarraum (die Pro-Kopf-Verschuldung liegt in den USA etwa dreimal so hoch wie im EURO-Raum); er analysiert die Bedeutung von „Security Settlement Systems“ (verbrieften Sicherheiten) und durchleuchtet die Folgen von „Basel II“. Aufgrund der geltenden Finanzregelungen, so ein Zwischenresümee, entstehe „Eigenkapital aus dem Nichts, also quasi virtuelles ‚fiat-equity’-Geld, das dann dazu benutzt werden kann, um mindestens das 62,5-fache an Giralgeld zu kreieren“ (S. 119).

 

Die Befunde, so der Finanzexperte zusammenfassend, „weisen auf eine als bedrohliche einzustufende Situation hin“ (S. 125).

 

Welche Zukünfte sind möglich? Auf Basis der vorgelegten, profunden Analyse ist Dirk Solte um eine „wertneutrale“ Abschätzung der absehbaren Entwicklung bemüht, in dessen Mittelpunkt er die Frage der Nachhaltigkeit des Finanzsystems rückt. Mathematisch begründet, und gestützt auf eine Vielzahl empirischer Daten kommt er zu dem Ergebnis, dass wir drei möglichen Entwicklungen entgegensehen: 1.) dem Kollaps, 2.) dem Umlenken von Wertschöpfung und 3.) einer weltweiten Steuerreform. Die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses bemisst der Autor mit 15%, den „Erfolg“ von Variante 2, die davon ausgeht, dass Gewinne über „Umqualifizierung“ dorthin transferiert werden, wo die Abgaben / Steuern minimal sind, wird mit  50% angegeben, die Chance eines weltweit nachhaltigen Steuer- und Finanzsystems, für die sich u. a. ATTAC und die Global Marshall Plan-Initiative einsetzen, wird – immerhin ? – als zu 35% realisierbar angesehen. Gelingen könnte die „Umsteuerung“ etwa durch Einführung einer „’Mehrgeldsteuer’ auf jede Art von emittierten Schuldtiteln oder neu vergebene Kredite, d. h. auf neu geschöpftes Geld und Geldsurrogate“ (S. 168). Zugleich macht Sollte auf eine grundsätzliche Problematik kapitalistischer Wertschöpfung aufmerksam: da investives Kapital hohe und sichere Gewinne sucht, ist das Investment in Sachvermögen und (knappe) Rohstoffe lukrativ, der Einsatz für Arbeitsplätze in der Regel aber nicht gefragt. „Steuerharmonisierung auf internationaler Ebene sowie transnationale Steuersysteme bzw. Abgabesysteme, sowie eine damit harmonierende Regulierung des Finanzmarkts, die Umgehungen unmöglich macht und darüber hinaus dann alle in fairer Weise nach dem Prinzip der Leistungsfähigkeit an der Aufbringung der Mittel für Gemeinwesen, Infrastruktur und die soziale Balance beteiligt, wären der Schlüssel für eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Organisation des Finanzsystems“ (S. 173), bilanziert der Finanzexperte. Zugleich hält er fest, dass der Prozess der Globalisierung, forciert vom Weltfinanzsystem, bislang klar das Muster der Umverteilung von Wertschöpfung im Sinne minimaler Besteuerung favorisiert. „D. h., die Zeit spielt gegen eine balancierte Lösung. Ohne massive Anstrengungen wird die Chance auf ein Erreichen weiter abnehmen“, so die skeptische Bilanz. Angereichert durch umfassende Anhänge, u. a. zum Weltfinanzsystem, zur Organisation des Finanzmarkts, zur Rolle der Banken, Fonds und Versicherungen sowie zur privilegierten Rolle der „Primary Dealer“, ist die vorliegende Studie ein Grundlagenwerk, auf das zurückgreifen wird, wer sich über die Strukturen des weltweiten Finanzsystems und Perspektiven zu dessen Neuordnung informieren möchte. „Es wäre zu wünschen, dass die vorliegende Ausarbeitung als Anregung für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der behandelten Thematik genutzt wird. Die Zielrichtung“, so Dirk Sollte abschließend, „ist ein nachhaltig organisiertes Weltfinanzsystem. Diese Aufgabe verdient viel mehr Aufmerksamkeit, als dies heute der Fall ist.“ (S. 181). Dem ist nichts hinzuzufügen. W. Sp.

 

Sollte, Dirk: Weltfinanzsystem am Limit. Einblicke in den „Heiligen Gral“ der Globalisierung. Berlin: Terra Media Verlag, 2007. 279 S. € 19,80 [D], 20,40 [A], sFr 34,65 ISBN 978-3-9811715-2-5