Mit dem vorliegenden Band ist der kontroverse Diskussionsbeitrag ”bioethics in a Liberal Society" (englische Erstausgabe 1993) des australischen Philosophen Max Charlesworth endlich auch in Deutsch verfügbar. Der Verfasser sieht die liberale Gesellschaft auf zwei Prinzipien gegründet: der persönlichen Autonomie, die er aber scharf von unverantwortlichem Individualismus unterschieden haben will; und einem ethischen Pluralismus. Von diesen Eckwerten ausgehend, nimmt er sich einige der umstrittensten Bereiche der gegenwärtigen Ethikdiskussion vor. Im Kapitel "Beendigung des Lebens" behandelt er Fragen der Sterbehilfe und der Selbsttötung, wobei sein Credo der persönlichen Autonomie natürlich zur Problematik von Unmündigen bzw. Komapatienten hinführt, was er mit Überlegungen zur Lebensqualität auflösen möchte. Im Abschnitt ”ins Leben rufen" geht es um Fragen der Reproduktionsmedizin, von Unfruchtbarkeit u.dgl. Charlesworth tritt für ein Recht auf ”Fortpflanzungsfreiheit" ein, worunter er die freie Wahl der Fortpflanzungsart inklusive einer allfälligen Entscheidung für Leihmutterschaft versteht. In einem weiteren Kapitel analysiert Charlesworth die Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen und kritisiert den dabei vorherrschenden Utilitarismus als dirigistisch und bevormundend. Er fordert mehr Entscheidungsfreiheit sowohl für den Arzt als für den Patienten, wobei eine eingehende Aufklärung die Voraussetzung für autonome Entscheidungen darstellt. Abschließend konfrontiert er sein Ideal mit der Realität und tritt für eine Pluralität ethisch begründeter Haltungen in einer liberalen und multikulturellen Gesellschaft ein. Der einzige Konsens, der bei grundsätzlicher Gleichberechtigung der verschiedenen personalen und kulturellen Positionen möglich ist, sei die Freiheit nicht übereinstimmen zu müssen. A. R.

Charlesworth, Max: Leben und sterben lassen. Bioethik in der liberalen Gesellschaft. Hamburg: Rotbuch Verl., 1997. 218 S.,