In einen breiten Kontext setzt das Heft „Baustelle Zukunft: Die große Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft“ die Notwendigkeit der ökologischen Umsteuerung. Das Heft der „Politischen Ökologie“ setzt dabei bei Karl Polanyi an. Polanyi war der Theoretiker der „Großen Transformation“, eines der Schlüsselwerke der Politikwissenschaften, aber auch der neuen sozialen Bewegungen. Darin beschreibt er, wie sich das Wirtschaften immer mehr aus dem Kontext gesellschaftlicher Verantwortung und Kontrolle verabschiedet. Der Markt übernimmt in der Folge Wertbestimmungen und verwandelt immer mehr Bereiche der Natur und des menschlichen Verhaltens in Waren. Diese Transformation zugunsten des Marktes sei durch politische Entscheidungen ermöglicht worden.

 

The Great Transformation

2011 griff der Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung Polanyis Thesen auf und legte einen „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ vor. Polanyis Thesen, immerhin erschienen sie erstmals 1944, erfreuen sich aus verschiedenen Gründen nach wie vor großen Interesses: Zum einen war der emphatische Stil, in dem das Buch „The Great Transformation“ verfasst wurde, für viele Leserinnen und Leser mitreißend. Zum anderen schrieb er von Beginn an gegen den sich selbst überlassenen Markt an. Diese Kritik wird von Zeit zu Zeit durch konkrete Erfahrungen bestätigt. Die Umweltbewegung nahm die undogmatischen Ideen Polanyis mit an Bord, das Gutachten des Beirates der Bundesregierung dokumentiert diese Nützlichkeit der Thesen für die Diskussion über eine nötiges Umsteuern, eine Transformation. Denn: Wenn politische Entscheidungen die Transformation zu Gunsten des Marktes ausgelöst haben, so ist es zumindest denkbar, dass durch politische Entscheidungen neue Transformationen eingeleitet werden.

„Baustelle Zukunft“ diskutiert nun Voraussetzungen, Ideen und Probleme dieses Umsteuerns in der Gegenwart. Die Beiträge versuchen die ökonomischen und politischen Umstände für Transformationsprojekte zu beschreiben. Andererseits werden konkrete gesellschaftliche Bereiche untersucht.

Wichtigster Bezugspunkt ist der Klimawandel, dessen Auswirkungen als Imperativ für die Debatten dienen. In einem interessanten Beitrag diskutieren beispielsweise Christian Flachsland und Ottmar Edenhofer die politischen Optionen, die beim Streben nach einem Bremsen des Klimawandels zur Verfügung stehen. Sie zeichnen ein nüchternes Bild von der individuellen, der national-staatlichen und der internationalen Ebene und finden nirgends den „Goldenen Schlüssel“ zur Lösung des Problems. Sie zeigen aber auf, dass auf allen diesen Ebenen Potenziale bestehen, die genützt werden können.

 

Verkehrswende

Bernhard Stratmann widmet sich urbanen Transformationstrends und stößt unweigerlich auf Fragen der Mobilität. „Städte sind die Orte, an denen sich Produktion, Konsum und klimaschädlicher CO2-Ausstoß konzentrieren, aber auch Ausgangspunkte gesellschaftlichen Wandels. Neue, an ökologischer und sozialer Gerechtigkeit wie auch an persönlicher Entfaltung orientierte Lebensstile haben inzwischen einen  Verbreitungsgrad erreicht, der ihnen politisches Gehör und eine gewisse Kommunikationsmacht verleiht, sodass das Gesicht der Stadt sich zu verändern beginnt (…)“ (S. 103f.). Neue Siedlungsformen werden neue Mobilitätsbedürfnisse zur Folge haben, Radfahren und Zufußgehen gewinne in diesen Milieus an Bedeutung. „Die Verkehrswende erfordert jedoch entsprechende Stadtstrukturen. Dort wo die kompakte Stadt der kurzen Wege nicht mehr vorhanden ist, oder sich nicht (wieder) realisieren lässt, können gute öffentliche Personennahverkehrsnetzte eine echte Alternative zum automobilen Individualverkehr darstellen.“ (S. 105)

Das Heft umfasst insgesamt 20 Beiträge auf hohem Niveau und ist sehr lesenswert. S. W.

 

 Baustelle Zukunft. Die große Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Hrsg. v. Verein für ökologische Kommunikation.  München: oekom-Verl., 2013. 161 S., €16,95 [D], 17,50 [A], sFr 25,40

ISBN 978-3-86581-424-1