Seitens der Atomindustrie wurde versucht, Atomenergie als klimaneutrale Energieform darzustellen und damit eine nukleare Renaissance einzuläuten. In der EU gibt es sogar Kräfte, etwa in Frankreich, GB und Tschechien, die Atomstrom als erneuerbare Energie deklariert sehen wollen und hierfür garantierte Einspeisetarife analog Wind- und Sonnenenergie verlangen. Gehofft wird auch immer noch auf die Versprechen der Atomfusion – in den Versuchsreaktor Cadarache (F) werden nach wie vor Milliarden Subventionen gesteckt. Doch die Strategie, die Atomenergie als Klimaretter anzupreisen, scheint nicht von Erfolg gekrönt zu sein.

Der Zukunftsforscher Franz Josef Radermacher versucht einen anderen Weg. Er schlägt vor, die Energiewende zu ergänzen durch breite Aufforstungsprogramme, die uns durch natürliche CO2-Bindung („Sequestrierung“) die nötige Zeit verschaffen sollen, um das 2 Grad-Ziel doch noch zu erreichen. Bei der Bonn Challenge Konferenz im Jahr 2011 unter Beteiligung von 35 Umweltministern aus der ganzen Welt sowie einschlägigen UN-Sekretariaten wurde, so berichtet Radermacher in dem von ihm gemeinsam mit Luise Hölscher herausgegebenen Band „Klimaneutralität“, ein Weltaufforstungs- und Restaurierungs- programm auf einer Fläche von 1,5 Mio. km2 bis zum Jahr 2020 vorgeschlagen. Verwendet werden sollen Flächen in sich entwickelnden Ländern, die früher abgeholzt wurden und deren Böden heute ausgelaugt sind, so dass keine Flächenkonkurrenz zu Anbaugebieten entstünde. Laut World Ressour- ces Institute soll es weltweit zwischen 5 und 10 Mio. km2 solcher Flächen geben. Radermacher sieht in diesen Programmen Win-Win-Situationen, die der Philosophie eines Global Marshall Plans entsprechen. Die Aufforstung bindet CO2, das daraus gewonnene Holz kann als Rohstoff und Brennmaterial verwendet, erzeuge daher regionale Wertschöpfung. Über 40 Jahre lang sollen auf diesem Weg an die 800 Mrd. t CO2 neutralisiert werden, also an die 20 Mrd. t pro Jahr, was etwa 2/3 der gegenwärtigen CO2-Emmissionen aus fossilen Quellen entspricht. Die Kosten beziffert Radermacher mit 200-400 Mrd. Dollar pro Jahr, die durch Klimaneutralitätsstrategien von Privaten aufgebracht werden sollen. Der Autor sieht dies nicht als „Freikauf“, sondern als notwendige und sinnvolle Allianz. Im Auge hat er die sogenannten „Premiumkonsumenten“, die „Gruppe der 1-2 Prozent höchstverdienenden Personen auf diesem Globus“. Dies sind etwa 100 Mio. Menschen, die also an die 2000 – 4000 Dollar pro Jahr an Ausgleichszahlungen leisten sollten. Der Ansatz ist bestechend und wird in anderer Form bereits von der Initiative „plant for the planet“ von Felix Finkbeiner und Freunden umgesetzt, sehr engagiert und ergreifend dargestellt in der Streitschrift „Alles würde gut“. Doch anders als die vielen Tausenden Jugendlichen aus zahlreichen Ländern der Welt werden die „Premiumkonsumenten“ wohl nicht freiwillig für ein solches Vorhaben zu gewinnen sein. An international akkordierten Rechtsabkommen hinsichtlich globaler CO2-Budgets einschließlich entsprechender Ausgleichsmaßnahmen führt also kein Weg vorbei. Klimaschutz erfordert Maßnahmen auf allen Politikebenen und in allen Gesellschaftsbereichen. Er muss selbstredend die Unternehmen mit einbinden. Der vorliegende Band mit vielen Beispielen zu Klimaschutzmaßnahmen aus dem Bundesland Hessen, das sich selbst Klima-neutralität zum Ziel gesetzt hat (Konzept S. 71ff), zeigt, dass es viele gute Ansätze gibt. Er macht aber auch Widersprüche deutlich, etwa wenn der Frankfurter Flughafen, der nachweislich stark zu den CO2-Emmissionen beiträgt, mit seinen elektrogetriebenen Bodenfahrzeugen als Beitrag zum Klimaschutz wirbt. H. H.

 

 Klimaneutralität. Hessen geht voran. Hrsg. v. Luise Hölscher, Franz Josef Radermacher. Wiesbaden: Springer 2013. 272 S., € 20, 51 (D], € 21,10 sFr 27,70 ISBN 978-3-8348-2609-1

Finkbeiner, Felix: Alles würde gut. Wie Kinder die Welt verändern können. Eine Streitschrift. Hrsg. v. Plant for the Planet. 47 S., € 1,- [D,A], sFr 1,35 ISBN 978-3-9811841-2-9

www.plant-for-the-planet.org