Zwei Argumente der Atomkraft-Befürworter werden hier zerpflückt: die angebliche "CO2-Freiheit der Atomenergie" und das Argument des" preiswerten" Atomstroms. Die Mär von der CO2-Freiheit der Atomenergie rührt daher, daß AKWs unmittelbar kein Kohlendioxid emittieren. Wohl aber werden beim Bau (und auch bei der Abwrackung) sowie bei Uranabbau und -aufbereitung fossile Energieträger eingesetzt. Das Öko-Institut errechnet. daß bei der Produktion einer Kilowattstunde elektrischer Energie in einem AKW 28 Gramm des klimarelevanten Gases emittiert werden und liegt damit ganz in der Nähe der Ergebnisse einer Untersuchung der Internationalen Energie Agentur. Somit liegt der Kohlendioxidausstoß von AKWs zwar deutlich unter jenem von Kohlekraftwerken, jedoch weit über den spezifischen Emissionen anderer Stromsysteme. Kraft-Wärme-gekoppelte Systeme (insbesondere wenn sie auf der Basis von Biogas oder Holzgas betrieben werden) reduzieren sogar die Gesamtemission von Kohlendioxid, wenn jene Emissionsmenge abgezogen wird, die bei Bereitstellung der gleichen Wärmemenge durch Ölheizungen emittiert worden wären. Die These vom "preiswerten Atomstrom" rührt einerseits daher, daß in den offiziellen Schätzungen deutlich niedrigere Kosten und eine deutlich höhere Auslastung angegeben werden als durchschnittlich in der Praxis erreicht werden kann. Soweit in diesen offiziellen Studien empirisches Material verwendet wird, sind es die Betriebs- und Kostendaten der besten Reaktoren, die aber nicht für den gesamten AKW-Park repräsentativ sind - und trotzdem ergeben sich höhere Bereitstellungskosten einer Kilowattstunde Strom aus AKW als aus anderen Systemen. Andererseits gehen regelmäßig zwei Faktoren unter, nämlich die ungelösten, jedenfalls aber Kosten verursachenden Probleme der Endlagerung und das sprichwörtliche "Restrisiko": Aus der Studie des Betreibers der französischen AKWs, der Electricite de France, wird zitiert, daß die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls bis zum Jahr 2000 im Bereich mehrerer Prozent liegt! So kommt die Arbeit denn auch zu dem Ergebnis, daß Investitionen in einen alternativen Energiemix, der aus Stromeinsparung, Kraft-Wärme-Kopplung und regenerativen Energieträgern besteht, eine drei bis viermal höhere Entlastung bei den treibhauswirksamen Emissionen bringen als Investitionen in AKW. Kann man sich erst einmal mit dieser Einsicht anfreunden, wird auch die Richtung einer ökologischen Erneuerung unseres Wirtschaftssystems deutlich. W. Sch.

Fritsche, Uwe; Lücking, Gero: Vom Ende der Mär: Atomkraft und Klimaschutz. Freiburg (u.a.): Öko-Inst., 1996

 

Weiterführender Literaturhinweis: Zu dieser Thematik sind ebenfalls im Öko-Institut kürzlich zwei Berichte erschienen: Nachhaltige Energiewirtschaft - Einstieg in die Arbeitswelt von morgen. Spendenprojekt 1995. Endbericht. Freiburg (u. a.): Öko-tost; 128 S. (s. Nr. 353) und Das Energiewende-Szenario 2020. Ausstieg aus der Atomenergie, Einstieg in Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung. Uwe Fritsche ... (Mitarbeiter). Freiburg (u.a.): Öko-Inst., 1996. 112 S.