Ist das protestantische Arbeitsethos, in dem irdischer Wohlstand als Zeichen gottgefälliger Belohnung für erbrachte Leistungen gilt, nicht gründlich widerlegt? Friedrich Schorlemmers Beitrag zur Disputation distanziert sich von dieser religiösen Bemäntelung der dualistischen Arbeits- und Konsumwelt des Kapitalismus. Seine Grundthese "Die Arbeit gehört zum Reichtum des Menschen - sie schafft nicht nur den Reichtum" mißt er an Karl Marx' Analyse der Entfremdung durch "Zwangsarbeit" im Unterschied zu einer produktiven “Lebenstätigkeit" .

Am Beispiel der verwestlichten Ex-DDR zeigt sich, daß keines der beiden Systeme dieses Grundproblem und jenes der entwerteten Arbeitslosen bewältigen konnte. Dem schwindenden Produktionssektor (zum Teil in ehemaligen Rüstungsbetrieben) stehen fast unbegrenzte Bedürfnisse an sozial und ökologisch nützlichen Tätigkeiten gegenüber, die auch echte Bedürfnisbefriedigung schaffen. Nur - wo wird denn dieses nötige Umdenken hin zu einem "Reichtum an (und durch) Tätigsein" auch politisch und finanziell gefördert? Die falsch orientierte Sparpolitik der Staaten bremst die überfällige Weichenstellung nachhaltig.

M. Rei.

Leben ohne Arbeit? - Arbeit als Los? Über die Arbeit als Erwerb, Tätigkeit und Sinn. Die 2. Wittenberger Disputation. Für die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hrsg. v. Hans-Hermann Hartwich. Opladen: Leske + Budrich, 1995. 112 S, DM / sFr 19,80/ÖS 154,50