Nachdem der Stuttgarter Autor, Verleger und Alternativ-Ökonom Peter Spiegel bereits mit dem “Terra-Projekt” von sich reden machte, in dem er eine auf Selbsthilfe abzielende Entwicklungspolitik nach den Grundsätzen von Muhamed Yunus Grameen Bank propagiert, stellt er hier gemeinsam mit Freunden und Partnern das 'Chancen-Projekt' als ‑ es sei vorweggenommen ‑ tragfähige und faszinierende Vision für das 21. Jahrhundert vor.

Auf einer vorerst noch ungewöhnlichen, aber gut begründeten These werden die insgesamt vier Säulen des “Chancen-Projekts” aufgerichtet. Sie lautet: Nicht Abhängigkeiten zu schaffen und Kapital zu akkumulieren ist das Ziel richtig verstandener Globalisierung. Vielmehr gilt es zu erkennen, daß “Gemeinnutz-Orientierung ein wunderbarer und letztlich weit erfolgreicherer Antrieb für Marktwirtschaft und materielle Entwicklung [ist]” (S. 9). Das “Chancen-Projekt” will demnach nichts weniger als die “die alten Grenzen zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft überwinden und ‑ entsprechend dem Geist der Lokalen Agenda 21 ‑ eine neue Kultur der Dynamik und Zusammenarbeit zwischen diesen in Gang bringen” (S. 11).

Zu erreichen, so die Hoffnung der vier AutorInnen, ist dies (1.) durch die Einhebung eines “Chancen-Beitrags” auf alle Importe aus Ländern der Dritten Welt in Höhe von 2 Prozent. Da für alle gültig, behindere diese Abgabe nicht den Wettbewerb und falle zudem nicht ins Gewicht (exemplarisch: Anhebung des Benzinpreises mit 0,3 Pfennig pro Liter), würde aber einen entscheidenden Beitrag zum “Wohlergehen für alle” leisten. Wie erfolgreich das Kleinkreditgeberkonzept bereits ist, verdeutlichen einige Ziffern: Allein 1998 konnte die Grameen Bank 4 Mia. Mark an 2,3 Mio. Menschen in 36.000 Dörfern vergeben. Ein Micro Credit Summit, der 1997 in Washington stattfand, registrierte vergleichbare Projekte in bereits 58 Ländern und steckte sich das Ziel, mit diesem Instrument bis zum Jahr 2005 100 Mio. Familien mit Kleinkrediten in einer Gesamthöhe von 30 Mrd. DM zu erreichen.

Die breite Etablierung von Hochschulen nach Vorbild der kolumbianischen Fundaec-Stiftung soll (2.) dafür sorgen, daß Entwicklung von der Bevölkerung selbst getragen wird. Um dies zu erreichen gelte es, nicht nur die Inhalte, sondern auch die Formen der Weiterbildung von Grund auf neu zu konzipieren. So etwa habe die Schule zu den Menschen, nicht aber die Menschen in die Schule zu kommen.

Die Errungenschaften der modernen Kommunikationstechnologien macht sich (3.) der “ChancesPark” zu nutzen. Es ist dies eine von Peter Fernau und der Firma e-com entwickelte Datenbank, die Branchen- bzw. interessensspezifische Kommunikationspattformen (sogenannte “Webparks”) anbietet, um den Brückenschlag zwischen sozial bzw. wissenschaftlich ausgerichteten Projekten und Wirtschaftsunternehmen zu forcieren. Die eigenverantwortliche Selbstdarstellung von Bürgerinitiativen, Stiftungen, Firmen oder Forschungsinstituten ist somit ebenso möglich wie das Flanieren auf dem “Marktplatz”, der Hintergundinformationen, eine Berufsbörse, Literaturhinweise u.v.m. bieten soll.

Der Förderung und Stärkung des Agenda 21 (nicht nur) in der BRD ist der 4. Schwerpunkt des Projektes. So ist daran gedacht, die Vielfalt des bisher Erreichten (nach innen wie auch nach außen) transparent zu machen, wobei an die Präsentation bei der Expo 2000 ebenso gedacht wird wie an die Reflexion und Weiterentwicklung des Prozesses in Form von Zukunftswerkstätten.

Man sollte die Erwartungen an das “Chancen-Projekt” nicht zu hoch ansetzen und etwa alleine an der Erreichung der am Ende des Bandes genannten “7 konkreten Ziele” bemessen. Zu mächtig sind vorerst noch die Widerstände, die dem als richtig Erkannten entgegenstehen. Tatkräftige Unterstützung aber sollte Initiativen wie diesen zuteil werden. So hat auch die JBZ sich gerne dazu entschlossen, eng mit dem “Chancen-Projekt” zu kooperieren.


W. Sp.

Chancen. Zukunft durch Menschlichkeit. Das Projekt. Peter Fernau ... Stuttgart: Horizonte-Verl., 1999.128 S.