Biologie und Ethik

Dem Leben auf der Spur

Oehler-Biologie-und-EthikDieses Buch ist als Sammlung vertiefender Texte zu einem Funkkolleg „Biologie und Ethik“ des Hessischen Rundfunks (www.funkkolleg-biologie.de) angelegt und soll dazu anregen, „sich auch unter ungewohnten Blickwinkeln“ mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei wird auch auf ältere Beiträge, so etwa einen Auszug aus der Autobiographie von Erwin Chargaff aus dem Jahr 1979, zurück gegriffen, was die Entwicklung von Debatten nachvollziehbar(er) machen soll. Dies wissend, wundert man sich nicht über die etwas erratisch anmutende Auswahl an Texten und Themen – und kann daraus durchaus (intellektuellen) Nutzen ziehen.

Das insgesamt etwa 250 Seiten umfassende Buch gliedert sich in vier Sektionen, die, so scheint es, unabhängig voneinander sind und auch in sich keinen erkennbaren roten Faden aufweisen.
Der erste Abschnitt widmet sich der Frage „Woher kommt der Mensch?“ und spannt einen durchaus weit gefassten, interessanten, wenn auch thematisch nicht stringenten Bogen auf. Von der genetischen Betrachtung der Europäer über Betrachtungen der Entwicklung der Hautfarbe bis zur Frage der Entstehung der Kunst reichen die einzelnen Beiträge.
Der zweite Abschnitt frägt „Wohin geht der Mensch?“ und fokussiert auf die Debatte über die biologische Zukunft der Menschheit. Hier ragt der Aufsatz von David Eagleman, der die (künftig) mögliche Kombination von Biologie und Technik – durchaus mit provokanten Fragen über „Optimierung des Körpers“ und „Hacken der eigenen Hardware“ – betrachtet, heraus. Leider nur angerissen wird „Das Anthropozän im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität“. Was Wunder, ist es doch „nur“ die Einleitung zu einem Buch (Wolfgang Haber, Martin Held und Markus Vogt (Hrsg): „Die Welt im Anthropozän“, München, Oekom, 2015). Schade, denn etwa zu „Anthropozän als Erdzeitalter verlangt eine neue Selbstreflexion über uns Menschen, die Menschwerdung und deren Wurzeln, die Natur des Menschen und die Kultur des Menschen“ (S. 103) hätte man gerne vertiefend mehr in einem Originalbeitrag gelesen.
Für LeserInnen, die die Naturschutzdebatten der letzten Jahre verfolgt haben, bietet der Abschnitt „Was machen wir mit der Natur“ wenig Neues, vielfach auch nur einen neuen Aufguss bekannter Lamenti.
Spannend zum (Wieder)Lesen dann der letzte Abschnitt „Woher nehmen wir unsere Maßstäbe?“, der so unterschiedliche (und unterschiedlich prominente) AutorInnen wie Erwin Chargaff, Hans Jonas, Uta Eser (mit einem sehr lesenswerten Essay zu „Naturschutz als gesellschaftliche Herausforderung“, in dem Naturschutz als Akt staatlicher Daseinsvorsorge argumentiert wird) und Papst Franziskus nebeneinander stellt.

Fazit: wer nicht unbedingt einen roten Faden erwartet, wer sich nicht daran stört, dass der Titel einen weiter gespannten Bogen verheißt, als es die Darstellungen einlösen , wer gut damit leben kann, dass der eine oder andere Beitrag von der Argumentationstiefe nicht mit anderen mithalten kann, findet  in diesem Band durchaus interessante und anregende Texte. 

Von Gunter Sperka

 

Regina Oehler, Petra Gehring, Volker Moosbrugger (Hrsg.): Biologie und Ethik: Leben als Projekt. Ein Funkkolleg-Lesebuch mit Provokationen und Denkanstößen. Schweizerbart Sience Publishers, 2017. 248 S., € 15,90 [D]

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