Wir erleben heute die definitive Desillusionierung der Vorstellung, daß in den Zentren der industriellen Zivilisation keine kriegerischen Exzesse mehr denkbar seien. Die Weltgemeinschaft verpulvert nach wie vor jährlich über eine Trilliarde Dollar für die Vorbereitung und das Führen von Kriegen. Dem Psychoanalytiker und Erfolgsautor Horst-Eberhard Richter geht es in seiner neuesten Veröffentlichung um die Klärung von psychischen Prozessen und Konstellationen eines Phänomens, daß Lebensweisen nicht geändert werden, obwohl die Schändlichkeit und auch Notwendigkeit einer Umstellung längst einsichtig wurden. Er beklagt die Friedlosigkeit in Deutschland und den Sieg des Festungs-Denkens im faulen Asylkompromiß ebenso wie die systemischen Verbrechen der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Gegen Haß muß seiner Ansicht nach zuerst Trauerarbeit geleistet werden. Dies verlangt auch die Erkenntnis, "daß wir alle mit dem zu tun haben, was die Täter in den letzten zwei Jahren an Verheerungen angerichtet haben". "Täter spiegeln uns unsere Destruktivität wider, die zumal wir Deutschen nach Auschwitz mit besonderem Aufwand verdrängt haben." In den hier abgedruckten Interviews, Reden und Vorträgen der letzten Jahre plädiert Richter für Erinnerungsarbeit bezüglich deutscher Geschichte, sieht im allgemeinen Unbehagen über Politik und Parteien die "Sehnsucht nach einer moralischen Erneuerung der Politik", fordert einfühlende Anteilnahme und Solidaritätsbereitschaft. Angemahnt wird die innere Verarbeitung der eigenen Destruktivität sowie die Umkehr zu einer neuen Weltwirtschaftspolitik. Berührend sind die Gedenkreden für Willy Brandt, Gerd Bastian und Petra Kelly. Besondere Hoffnung setzt Richter in die noch intakte Sensibilität der Kinder. Die Eltern müßten "mit partnerschaftlicher Hilfe der Kinder vielleicht gerade noch rechtzeitig auf einen sozial und ökologisch verantwortlichen Lebensstil umschwenken". Dann ist die Zuversicht begründet, daß Kinder heranwachsen, bei denen Eros und nicht Destruktivität überwiegt, so daß sie den großen Gefährdungen ohne Abstumpfung und Selbst-Spaltung begegnen. A.A.

 

Richter, Horst-Eberhard: Wer nicht leiden will, muß hassen. Zur Epidemie der Gewalt. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1993.221S., DM 32,-lsFr 29, 101 öS 249,60