Drastisch beschreibt Kafka den gegenwärtigen Weltzustand - vom nackten Hunger als Kehrseite des Reichtums über die Zerstörung autochthoner Kulturen bis zum unwiderruflichen Sterben von Arten; die Krise "der gesamten irdischen Lebenswelt" , auf die wir zusteuern, erklärt er aus den Evolutionsgesetzen der Natur, die der Mensch des naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters seit Jahrhunderten missachtet. "Die logischen Voraussetzungen erfolgreicher evolutionärer Wertschöpfung sind verletzt, seit ‚Vielfalt und Gemächlichkeit' durch ,Einfalt und Raserei' ersetzt wurden" - so die Grundaussage des Astrophysikers knapp zusammengefasst.

Wenn die Innovationsgeschwindigkeit und die globale Vereinheitlichung permanent zunehmen, könne "das Neue nicht mehr in genügend vielen unabhängigen Versuchen und nicht mehr hinreichend lange ausprobiert" werden. Die Folge: Die verschiedenen Teile der Wirklichkeit "passen immer weniger zusammen". Durch das Zusammentreffen von Globalität und Schnelligkeit sei die Menschheit an einer  „Engstelle“ des Schöpfungsprozesses angelangt. Kafka spricht von der "globalen Beschleunigungskrise". Und doch könne der Ausweg nur vom Menschen selbst gefunden werden. Wenn Evolution "das Zappeln im Raum der Möglichkeiten" rund um mehr oder weniger lebensfähige Attraktoren bedeutet und Ideen als Ausfluss menschlicher Vernunft nicht realisierte Möglichkeiten darstellen (der Naturwissenschafter sieht darin die Versöhnung von Geist und Materie), dann bestehe die" Selbstorganisation menschlicher Freiheit" in unserer als "singulär" zu bezeichnenden Krise eben darin die Revision fundamentaler menschlicher Leitideen der letzten Jahrhunderte" einzuleiten.

Die "Entscheidung gegen den Untergang" könne somit nur darin liegen "dass wir, sozusagen verfassungsmäßig, alles Schnelle und Große beschränken". Wie bereits in seinem letzten Buch "Das Grundgesetz vom Aufstieg" (1989) macht Peter Kafka auch diesmal konkrete Vorschläge für eine Gegenstrategie und ortet diese vor allem im Bereich der Umstellung unserer Wirtschaft. "Menschen dürfen künftig nicht mehr um ihre Lebensgrundlagen konkurrieren" so der ökologische Mahner lakonisch, "vielmehr müssen sie diese für alle verfassungsmäßig sichern und sich dann ihren ,eigentlichen Möglichkeiten' zuwenden." Über bereits vieldiskutierte Konzepte wie ökologische Steuerreformen hinaus greift Kafka auch alte Ideen wie die Abschaffung des Zinses und der Bodenrente neu auf, denn es gehe um nichts weniger als die "Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus".

Gewohnt in historischen, politischen und ökonomischen vielleicht noch soziologischen Kategorien zu denken, mag dieser evolutions- und systemtheoretische Ansatz zunächst etwas irritieren, doch gewinnt er bei der Bereitschaft, sich darauf einzulassen, an Stringenz und eröffnet Handlungsperspektiven, indem er die Komplexität des Weltgeschehens auf evolutionäre Grundparadigmen zurückführt und jenseits kosmetischer Korrekturen nach grundlegenden Veränderungen unserer gegenwärtigen kulturellen Leitbilder verlangt.

H. H.

Kafka, Peter: Gegen den Untergang. Schöpfungsprinzip und globale Beschleunigungskrise. München: Hanser. 1994.215 S., DM 22,80/sFf 19,-/öS 178