Der Illusion, daß in unserer Welt alles stetig zum Besseren fortschreite, erteilt Franz Wuketits eine Absage. Er räumt aber ein, daß der Glaube an den Fortschritt, betrachtet man die Evolution insgesamt, nicht unberechtigt scheint. Der Universitätslehrer will jedoch keineswegs den Fortschritt pauschal verteufeln oder undifferenziert darüber reden wie manche seiner Befürworter, wobei er sowohl die organische als auch die soziokulturelle Evolution unter die Lupe nimmt.

Zunächst beschäftigt sich der Autor mit den Wurzeln der Fortschrittsidee, wobei es in einem geschichtlichen Rückblick um die Begründung der Idee, deren Ausprägungen und Konsequenzen im Zusammenhang mit der biologischen Evolutionstheorie und evolutionstheoretischen Modellen der Sozial- bzw. Kulturgeschichte geht. Im zweiten Teil begründet Wuketits, warum die Verabschiedung der Idee vom universellen Fortschritt und die Erschütterung der Vorstellung einer kontinuierlich fortschreitenden Entwicklung notwendig ist. Er versucht darzulegen, wie man sich Evolution vorstellen muß, welche Rolle dabei dem Zufall und welche den Naturgesetzen zugedacht ist. Dabei kommt, nicht überraschend, den Katastrophen der Kulturgeschichte eine große Bedeutung zu. Der Mensch, so Wuktetits, ist selbst die größte Naturkatastrophe. Was im Alltag noch belächelt werden kann - nämlich das Steinzeitverhalten - wird im Konfliktfall oder Krieg bitterer Ernst. Auch vermehrtes Wissen und Erkenntnisvermögen würden nicht immer klug eingesetzt, sondern unterstützen oft nur unsere destruktiven Neigungen. Insgesamt sieht Wuketits unsere Zivilisation wachsen wie ein hypertrophes Organ. Mit unverhohlenem Sarkasmus zeigt er, wie alles, was gut ist, vermehrt und vergrößert wird, und seien es die Atomwaffenarsenale der Erde.

Der Autor bezweifelt, daß sich ein globales ökologisches Bewußtsein durchsetzen werde, weil die Ressourcen ebenso wie die Produktivkräfte auf unserem Planeten höchst ungleich verteilt sind. "Und auf eine ,Weltregierung', die zum globalen ökologischen Um-   denken zwingen könnte, würde ich nur dann zählen, wäre ich ein Anhänger gefährlicher Utopien:' (S. 249) Die abschließende Frage, warum wir uns nicht dazu aufraffen, wirklich Frieden mit der Natur und allen Lebewesen zu schließen, können wir nach des Autors Ansicht nur damit beantworten, daß unserem Lebensantrieb ein gegensätzlicher Trieb (Aggressionstrieb, Todestrieb) zur Seite steht.

A. A.

Wuketits, Franz M.: Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne Fortschritt. Düsseldorf: Patmos-Verl., 1998. 279 S., DM 39,80/ sFr 37,- / ÖS 291,-