Warum wird der Alternativnobelpreisträger Leopold Kohr – einer der Vordenker "Kleiner Einheiten" und der Kritik an Globalisierung, transnationaler Staats- und Konzernzusammenschlüsse - fünf Jahre nach seinem Tod von den meisten Fachkollegen und Journalisten totgeschwiegen? Seine Hauptwerke wie "Die überentwickelten Nationen'; "Zusammenbruch der Nationen" und "Entwicklung ohne Hilfe" sind nur auszugsweise in dem Sammelband "Small is beautiful" abgedruckt. Und seine Biographie wurde kürzlich vom Verlag billig abverkauft. Ist es der verniedlichende Slogan "Small is beautiful" mit dem ihn sein Freund E. F. Schumacher bekannt machte? Kohr wehrte sich dagegen als bürgerlicher, gewaltfreier Anarchist mit dem Grund-Satz "Klein sein oder nicht sein!" Dabei charakterisierte er scharfzüngig die Profiteure dieser Verharmlosung - u. a. seiner Regionalismuskonzepte und -projekte - sowie deren Rechtfertigung für ihren nicht hinterfragten Internationalismus. Diese Kritik lieferte auch das Motto für die "Sommerakademie 1997" in der ”Friedensburg" Schlaining. Deren schriftlich festgehaltenen Ergebnisse wurden - angereichert mit Texten aus einer Vortragsreihe - in den beiden vorliegenden Bänden zusammengefaßt. Ohne Zweifel hätte Kohr die Gastfreundschaft der Arbeitsgruppe "Akademisches Wirtshaus" genossen, die sich in der Schenke eines Weinbauern auf dem "Golan- Hügel" über der akademischen Friedensburg traf. Seinem Biographen Gerald Lehner, Inspirator dieses Kreises, gelingt es, Wesentliches aus dieser Atmosphäre zusammenzufassen, in der ein tiefgründiger Humor Kohr'scher Prägung Motor des gemeinsamen Grübelns wurde (1).

Es ist nicht verwunderlich, daß Ivan Illichs Beitrag - vorgetragen vom Ko-Autor Matthias Rieger - diese Mischung aus Analyse und entwaffnendem Humor am Besten trifft (1 und 2). Leider fiel ein wichtiger Anhang zu Maria Mies' Referat über kleine Einheiten, weibliche Subsistenzwirtschaft und Kritik an transnationalen Monopolen (mit ihrer MAI-Vertrags-Strategie) der Herausgeberzensur zum Opfer (1). Mit einer Frauengruppe hatte sie nämlich in einer Ode (ohne Freude) die Gentech-Zukunft skizziert - "Lassen Sie sich patentieren“. Ihre wissenschaftliche Partnerin Claudia von Werlhof stellt dazu die Frage "Wie kommt es zum ,heißen Frieden' und zur herrschaftsfreien Demokratie?" (2). Einige der Referenten stellten ihre Erfahrungen mit der lateinamerikanischen Wirklichkeit und den Befreiungskämpfen indigener und verarmter Gruppen der von den Industriestaaten dominierten Weltordnungsmacht gegenüber. Einer überentwickelten Macht Europa stellen Günther Witzany (1) und Johan Galtung (1 und 2) ihre Warnungen und Alternativen im Sinne Kohrs entgegen. Allen Autoren gemeinsam ist die Überzeugung, daß dezentralisierte, aber gut kooperierende kleine Einheiten mehr Chancen haben, als sie es für möglich halten.

M. Rei.

(1) Über die Schönheit und Mächtigkeit des Kleinen. Die Leopold-Kohr-Vorlesungen. Hrsg. v. Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung. Münster: agenda-Verl., 1998.217 S., DM / sFr 36,- / ÖS263,-

(2) ls small beautiful? Die Leopold-Kohr-Vorlesungen. Schlaininger Schriften zur Friedens- und Konfliktforschung Bd. 1. Hrsg. v. European University Center for Peace Studies. Wien: Promedia, 1998.255 S., DM 38,-/ sFr 35,- / ÖS 277,-