Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise rückte das Thema Klimawandel kurzfristig in die zweite Reihe der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes resümieren, dass zwar das Problembewusstsein seit den IPCC-Berichten der UNO gestiegen, die Veränderungsbereitschaft aber konstant niedrig geblieben sei. „Dieser für Mediengesellschaften nicht erstaunliche Befund geht vor allem darauf zurück, dass die Dimension des Problems Klimawandel für die sozialen und kulturellen Lebenslagen der Zukunft überhaupt noch nicht ausgemessen ist.“(S. 7)

 

Klima und Alltag

 

Der Klimawandel konfrontiert uns mit in ihrer Tragweite noch kaum abschätzbaren Herausforderungen. Seine Bewältigung stellt nicht nur eine technologische, sondern auch eine kulturelle Aufgabe dar. Auf dem Prüfstand steht vor allem unser westlicher Lebensstil, wie bereits oben ausgeführt. Den Sozialwissenschaften kommt also die Aufgabe zu, die Befunde der Klimaforschung in ihrer sozialen Dimension einschätzbar zu machen. Dabei geht es um Fragen der Generationengerechtigkeit, der Verantwortung für die Mitwelt und um die Verständigung darüber, wie ein gutes Leben jenseits unserer Leitkultur des Konsumierens aussehen könnte. All das sind Themen, denen sich an dieser Stelle renommierte Autorinnen und Autoren der Sozial-, Medien- und Wirtschaftswissenschaften widmen.

 

Die Herausgeber erinnern uns angesichts einer vorherrschenden „Kultur der gefühlten Unendlichkeit“ an ein nur scheinbar für überwunden gehaltenes Phänomen, nämlich an die Endlichkeit. „Der Fortschritt könnte längst schon eine Angelegenheit der Vergangenheit sein, und Zukunft könnte darin liegen, hinter fehl- und schief gelaufene Entwicklungen zurückzukehren – eine der Moderne völlig fremde Operation.“ (S. 18f.)

 

Claus Leggewie und Harald Welzer weisen ja seit längerem darauf hin, dass sich die Kultur- und Sozialwissenschaften an der Klimadebatte beteiligen sollten. Zuletzt versuchten beide in „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ unter Bezugnahme auf die aktuelle psychosoziale Forschung die derzeit vorherrschende Mentalität des „Weiter-so-wie bisher“ zu erklären. Es sei bei weitem noch nicht ausgemacht – so der Tenor bei einigen Autoren –, in welcher Phase der Vermeidung von bzw. der Anpassung an Folgen des Klimawandels wir uns gerade befinden. Zudem fallen die Überlebensbedingungen auf unserem Planeten extrem unterschiedlich aus.

 

 

 

Schlechte Karten fürs Klima

 

Birger P. Priddat, Lars Clausen und Dirk Messner betonen auch, dass es nicht einmal klar ist, ob demokratische Gesellschaften überhaupt in der Lage sind, eine Umsteuerung in Gang zu setzen. Die Herausgeber zeigen sich in ihrer Einschätzung sehr pessimistisch: „Die nachholenden Industrialisierungsprozesse in den Schwellenländern, der ungebrochene Energiehunger der frühindustrialisierten Staaten und die globale Verbreitung eines auf Wachstum und Ressourcennutzung setzenden Gesellschaftsmodells“ lassen es für sie unrealistisch erscheinen, „dass ein Abstoppen des globalen Temperaturanstiegs bei plus 2 Grad bis zur Mitte des Jahrhunderts erreicht werden wird.“ (S. 8) In Anbetracht aller bekannten Tatsachen und Auswirkungen ist nicht viel Phantasie nötig, um sich umweltbedingte soziale Konflikte und verstärkte Sicherungsmaßnahmen vorzustellen, die klimabedingt sind.

 

 

 

Organisierte Unverantwortlichkeit

 

Ulrich Beck thematisiert die Persistenz apokalyptischer Vorstellungsbilder und die nervtötende Untergangsrhetorik der traditionellen Umweltbewegung. In einem acht Thesen umfassenden Aufruf diskutiert er, warum wir dem Klimawandel und der ökologischen Krise nicht mit der nötigen Energie begegnen. Wir sollten uns seiner Meinung nach nicht auf das vielzitierte Diktum Hölderlins verlassen, wonach mit den Gefahren auch das Rettende wächst. „Die Politik des Klimawandels wird nur dann aufhören, ein elitäres Wolkenkuckucksheim zu sein, wenn wir Antworten auf die dringende und weitgehend tabuisierte Frage finden: Wo soll die alltägliche Unterstützung von unten herkommen, der Rückhalt von normalen Menschen verschiedener Schichten, Nationen, politischer Ideologien und Länder, die vom Klimawandel sehr unterschiedlich betroffen sind und ihn sehr unterschiedlich wahrnehmen?“ (S. 34) Wir kommen nach Beck nicht darum herum, uns mit der Frage zu beschäftigen, „wie organisierte Unverantwortlichkeit überwunden werden kann“ (S. 39).

 

Spannend ist auch die Frage, warum sich Menschen wider besseres Wissen entscheiden und verhalten (Ernst/Kuckartz). Nils Minkmar stößt in dieselbe Kerbe, wenn er das Beharrungsvermögen von Lebensstilen und kulturellen Tradierungen an den Essgewohnheiten und damit verbundenen Ritualen der Franzosen nicht ohne ein gewisses Maß an Selbstironie beschreibt. Schließlich gehen philosophisch begründete Gerechtigkeitskonzepte (Birnbacher) oder Fragen zur Verantwortungsethik (Heidbrink) naturgemäß weit über eine ausschließlich naturwissenschaftlich dominierte Sichtweise des Klimawandels hinaus.

 

Bisher haben wir jede Menge Fakten zum Klimawandel, aber es ist, was die sozialen Folgen betrifft, noch längst nicht entschieden, wer die Gewinner, Verlierer oder einstweilen noch Davonkommenden sein werden. Die Herausgeber sind davon überzeugt, dass in einigen Jahren Lösungen und politische Optionen möglich sein werden, die heute noch undenkbar scheinen. A. A.

 

KlimaKulturen. Soziale Wirklichkeiten im Klimawandel. Hrsg. v. Harald Welzer …. Frankfurt/M.: Campus-Verl., 2010. 304 S., € 29,90 [D], 30,80 [A], sFr 52,30

 

ISBN 978-3-593-391953