allahsnarrenDer algerische Schriftsteller Boualem Sansal, 2011 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt, hat mit diesem Essay - anders als es der Titel nahelegt - eine sachliche Analyse zur Genese und zur aktuellen Bedeutung des Islamismus vorgelegt, die mit Gewinn und Verwunderung zugleich zu lesen ist: Anregend und wertvoll in der Schilderung von Details, aber auch widersprüchlich in der zentralen Beurteilung der Materie.

Eingangs schildert Sansal den Hintergrund und Verlauf des islamistischen Terrors in seiner Heimat, der zwischen 1991 und 2006 mehr als 200.000 Todesopfer forderte, und bietet daran anschließend einen detaillierten Überblick zur Geschichte und Ausdifferenzierung des Islams. Nachvollziehbar plädiert der Autor für die Unterscheidung von Islam und Islamismus, stellt aber die Unterschiede nur ungenügend dar. Wohl zu Recht kritisiert er, dass in Europa zwar über den Islamismus, kaum jedoch über die Werthaltungen des Islams diskutiert werde.

Den Islam sieht Boualem Sansal „weltweit auf Expansionskurs“; hält aber die Ursachen hierfür für „nach wie vor unbekannt“: ein „vermehrtes Bedürfnis nach Spiritualität in einer vom Materialismus dominierten Welt“, eine „Renaissance des Panarabismus oder des Panislamismus“, und eine „Form kultureller Identitätsfindung in einer Welt, die auf der Suche nach einer neuen Orientierung ist“, könnten s. E. als Gründe in Betracht kommen. (S. 55).

Der Islamismus, so Sansal in diesem 2013 verfassten Essay, sei „als solcher weder absurd noch wirklich gefährlich“. Es handle sich aber um eine „ultra-orthodoxe Strömung mit dem Ziel einer radikalen Transformation der muslimischen Länder und letztlich der Welt, die politische und religiöse, soziale und kulturelle Aspekte umfasst“ (S. 74).

Wie dieser Bewegung in Anbetracht einer zunehmenden „Schwäche der westlichen Demokratien“, einer anhaltenden globalen Umwelt- und Wirtschaftskrise sowie einer „verfehlten Einwanderungs- und Integrationspolitik“ in Europa, aber auch angesichts der nachweislichen Rückständigkeit der arabischen Völker (staatlicher und religiöser Rigorismus, verbissener Nationalismus, die Unterdrückung der Frauen und der Jugend sind nur einige der Folgen) zu begegnen sei, lässt der Autor weitgehend unbeantwortet.

Die Revolutionen des „Arabischen Frühlings“, so Sansals Resümee, haben den Islamismus stark gemacht, und es sei damit zu rechnen, dass er „künftig einen größeren Aktionsspielraum haben wird, zumal Chinesen, Russen, Brasilianer, Südafrikaner etc. problemlos mit ihm zusammenarbeiten können und ihn mit allem beliefern, was auch immer er von ihnen wird ordern wollen“ (S. 134). Keine guten Aussichten!

 Sansal, Boualem: Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert. Ein Essay zur Sache.

Gifkendorf: Merlin-Verl., 2014 [5. Aufl.]. 164 S.,€ 14,95 [D], 15,40 [A], sFr 16,05

ISBN 978-3-87536-903-8