Wenngleich wir  vorrangig neu erschienene zukunftsrelevante Literatur besprechen, so mag es von Zeit zu Zeit gute Gründe dafür geben, von diesem Prinzip abzugehen. Die hier vorgestellte zweibändige Studie Wendell Bells - der Autor ist emeritierter Soziologe der renommierten Yale University - vereint deren viele. Denn vergebens wird man (zumal im deutschen Sprachraum) nach einer gleichermaßen fundierten, umfassenden und zudem gut lesbaren Darstellung der Geschichte, Theorie und Praxis der Zukunftsforschung (ZF) suchen. Aus naheliegenden Gründen können an dieser Stelle nur einige wenige Hinweise gegeben werden.

In Bd. 1 setzt sich Bell zunächst mit dem interdisziplinären Charakter der Disziplin, ihrem Zweck und ihren Grundannahmen auseinander. Ausführlich etwa reflektiert er die philosophische Grundlagen der ZF, wobei der Diskurs darüber, ob die Disziplin eher den Wissenschaften oder den Künsten zuzuordnen sei, breiten Raum einnimmt. Beiden gehe es, so der Autor, um „höhere Wahrheit“, auch Kreativität, Subjektivität und Innovation sei da wie dort von nöten. Insgesamt neigt W. Bell der Auffassung zu, ZF sei eher Wissenschaft als Kunst, räumt jedoch ein, daß die Nicht-Faktizität der Zukunft als Gegenargument bestehen bleibe, weshalb ZF auch als „angewandte“ bzw. „transdisziplinäre Sozialwissenschaft“ verstanden werden könne.

In einem weiteren zentralen Abschnitt des ersten Bandes („An Epistemology for Futures Studies: From Positivism to Critical Realism. S. 191 - 238) beschreibt Bell, von der Differenz zwischen „episteme“ (dem absolut gesicherten Wissen) und „doxa“ (der [veränderbaren] Meinung) ausgehend, die Entwicklung der ZF im sozialen und politischen Kontext der 60er und 70er Jahre. So werden neun Charakteristika des „Positivismus“ als für die ZF der ersten Phase maßgebliche Wissenschaftstheorie benannt, und diesen Axiomen zentrale Postulate des „Postpositivismus“ gegenüberstellt. Letztlich plädiert der Autor für eine an Popper orientierte Position eines „Kritischen Realismus“ und kommt zu dem Ergebnis, daß Vorhersagen insgesamt zu sozialer Kontrolle auch durch die Annahme des Gegenteils führen: „Although futurist methodological procedures are reasonably well developed, no generally agreed upon theory of knowledge for futures studies yet exists.“ ( Bd. 1, S. 235).Ausführlich (Bd. 1, S. 239 - 317) widmet sich Bell der Methodendiskussion. Nach grundsätzlichen Überlegungen zu Vielfalt und Qualifikation angewandter Verfahren und deren Differenzen - etwa quantitativ/qualitativ versus explorativ/normativ - widmet sich der Verfasser der ausführlichen Darstellung von Methoden der ZF, wobei Hintergrund und Entwicklung ebenso erörtert werden wie Stärken resp. Schwächen. Beschrieben werden insgesamt 13 Methoden, wobei das Spektrum von Pragmatischer Vorhersage Extrapolation von Zeitreihen Cohort-Component-Methoden (als Verfahren der Demographie) bis zu Ansätzen teilhabender Zukunftsgestaltung (inkl. ‚Zukunftswerkstatt‘) Sozialen Experimenten und der Szenario-Merthode reicht.

Bd. 2 setzt im Sinne einer subjektiven Ausweitung des Gegenstands das Hauptaugenmerk auf die Darstellung wünschenswerter Zukünfte. Ethische und moralische Fragen, argumentiert Bell, müßten selbstverständlicher Bestandteil jeder wissenschaftlichen Beschäftigung mit Zukunftsentwicklungen sein. Dabei setzt er sich mit literarische fiktiven Annäherungen an den Gegenstand (v. Thomas Morus bis Marx) ebenso auseinander wie mit religiösen oder rechtlichen Ansätzen, um daraus auch die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit universal gültiger Werte für das 21. Jahrhundert zu diskutieren.

Ein Meilenstein der Zukunftsforschung, umfassend, kompetent, historisch und wissenschaftsgeschichtlich fundiert. Ein Werk, das man schlichtweg nicht ignorieren kann. W. Sp.

Bell, Wendell: Foundations of Futures Studies. Human Science for a New Era. Bd. 1: History, Purposes, and Knowledge, 367 S.; Bd. 2: Values, Objectivity, and the Good Society, 381 S. New Brunswick (e. a.): Transaction Publishers, 1997. Je Band US$ 39,95