Mit Schlagzeilen wie "Wer redet ist nicht tot", "Gesellschaft bitte in die Sprechstunde" oder ”Gesprächstherapie für die Welt" wurde dieser vom amerikanischen Soziologen Peter L Berger koordinierte Bericht an den Club of Rome in den Medien abgehandelt und damit wohl seine Grundbotschaft erfaßt, nicht jedoch die Vielschichtigkeit der insgesamt elf vergleichenden Länderstudien sowie deren Defizite und Aussparungen. Analog den "Grenzen des Wachstums" sollten die "Grenzen der Gemeinschaft" erfaßt werden, oder positiv formuliert - die Frage nach dem Zusammenhalt von Gesellschaften, ihren Normen- und Wertekonflikten sowie der Rolle von zivilen wie staatlichen Vermittlungsinstanzen.

Die untersuchten Länder - USA, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Chile, Südafrika, Türkei, lndonesien, Indien sowie schließlich Japan und Taiwan - weisen doch sehr große ökonomische, politische und kulturelle Unterschiede auf. Unterschiedlich sind demnach auch die Schwerpunkte der Konfliktlagen: Stehen im Bericht über die USA nebst der Rolle der philantropischen Vereinigungen Normenkonflikte über Abtreibung, Homosexualität, künstliche Befruchtung, Familie und Sexualität im Zentrum der Analysen - am Rande wird auch die Rolle und Zukunft des Multikulturalismus thematisiert (er ist wiederum zentral im Bericht aus Frankreich), geht es etwa in den Ausführungen über die Türkei oder Indonesien wesentlich um das Verhältnis von Säkularismus und Islam (wobei letzterer durchaus differenziert positiv gesehen wird). Die Analysen zu Indien und Südafrika stellen wiederum die Versuche "positiver Diskriminierung" benachteiligter Gruppen - Überwindung des Kastenwesens im einen, jene der Apartheid im anderen Fall durch egalitäre Verfassungen ins Blickfeld.

Während der Bericht über Japan, verfaßt von einem Tokyoer Politologen, die aus der Transformation des Landes zur Wirtschaftsgroßmacht resultierenden Konflikte (außen- und militärpolitische Ambitionen, Ökologie, Korruption) thematisiert, stellt der Bericht zur BRD die Krise des Sozialstaats und die bevorstehenden Verteilungskonflikte in den Mittelpunkt.

Die Länderanalysen machen durchwegs die historisch unterschiedlich gewachsenen Gesellschaftsstrukturen deutlich, unterbelichtet bleiben jedoch - von Ausnahmen abgesehen - die wirtschaftlichen, sozialen und demographischen Konfliktlagen und Disparitäten. Der Präsident des Club of Rome, Ricardo Diez-Hochleitner, selbst mahnt weitere Arbeiten zur Gefahr "übertriebenen Nationalismus" sowie zu "Mechanismen der Konfliktvermeidung" bzw. der Rolle staatlicher und intermediärer Institutionen "im Falle internationaler Konflikte" ein.

H. H.


Die Grenzen der Gemeinschaft.  Konflikt und Vermittlung in pluralistischen Gesellschaften. Ein Bericht der Bertelsmann Stiftung an den Club of Rome. Hrsg. v. Peter L. Berger. Gütersloh: Bertelsmann, 1997. 656 S., DM / sFr 58, - / öS 452,-