Jeder sei seines Glückes Schmied und Faulheit führt zu Armut, so in Kürze zentrale Ergebnisse einer Umfrage „Jugend und Zeitgeist“ des Instituts für Jugendkulturforschung unter 400 österreichischen Jugendlichen, die auf ein stark verinnerlichtes Leistungsdenken sowie eine sich breit machende „Ich-AG“-Mentalität verweisen (Download: www.karriere.at/files/blog/2011/12/ Studie-Jugend-und-Zeitgeist.pdf).

 

Etwas anders fallen die Befunde einer Erhebung von Zukunftsbildern bei österreichischen und deutschen Jugendlichen der Umweltpädagogin Ulrike Unterbruner aus. Bereits 1989 hatte die Biologie-Didaktikerin Jugendliche im Alter von 13-17 Jahren eine Fantasiereise in die Zukunft machen lassen. 2009 hat sie das Experiment wiederholt. Der wichtigste Faktor für die Beurteilung der Zukunft ist demnach für die jungen Leute eine intakte Natur. Im Jahr 1989 – am Höhepunkt der Friedens- und Antiatombewegung – haben 90 Prozent die Bewahrung der Umwelt an erster Stelle genannt, in der zweiten Studie waren es immerhin noch zwei Drittel, für die Umwelt das wichtigste Kriterium war. Knapp 80 Prozent der Jugendlichen nahmen Umweltzerstörung als Problem wahr, gefolgt von „Klimawandel“ und „Hunger in der Welt“ (je 60 Prozent). Als großes Problem registrieren Kinder insbesondere das Grau und den Autolärm der Städte. Dem korrespondiert der Wunsch vom Leben im Grünen – und zwar mit intakten Familie.

 

Denn: Gegenüber 1989 habe aber, so Unterbruner, ein zweites Kriterium an Bedeutung gewonnen: die soziale Umwelt. Bereits ein Drittel machte in der neuen Untersuchung ihr Zukunftsbild nicht mehr vorrangig an der Natur fest, sondern am sozialen Zusammenhalt. Die Befürchtung, dass alle nur gestresst seien und dem Geld nachlaufen, sei bei diesen Jugendlichen in den Vordergrund getreten, erläutert die Umweltpädagogin.

 

Auffallend erscheinen die geringen Erwartungen der Jugendlichen gegenüber dem technischen Fortschritt hinsichtlich einer Verbesserung der Zukunft, was die Umweltpädagogin mit dem geringen Interesse (österreichsicher) Jugendlicher an der Technik allgemein sowie an technischen Berufen im Besonderen in Zusammenhang bringt, auch wenn Technik, etwa im Bereich von Handys oder iPads, ganz selbstverständlich in den Lebensalltag integriert werde.

 

Erstaunlich ist der Befund, dass immerhin 44 Prozent der Jugendlichen pessimistisch in die Zukunft blicken (1989 – drei Jahre nach „Tschernobyl“ waren es gar noch 53 Prozent). Nur 38 Prozent erzählen in ihren Fantasiegeschichten positive Zukunftsbilder, bei den restlichen 18 Prozent enthielten die Zukunftsvorstellungen positive wie negative Aspekte. Auffallend auch, dass sich nur 20 Prozent der Jugendlichen in den Zukunftsentwürfen als aktiv erleben, 80 Prozent sehen sich als Passiv-Beobachtendedie nicht selbst eingreifen.

 

Die Untersuchung von Ulrike Unterbruner stimmt nachdenklich und wirft Schatten auf unsere „Bilder von Wohlstandsgesellschaft“. Der Wert des mit vielen Farbbildern sehr schön gestalteten Buches liegt jedoch nicht nur in den empirischen Befunden, sondern ebenso, ja noch mehr, in der Art der Darstellung der Ergebnisse. Bewusst lässt die Autorin die Befragten selbst zu Wort kommen, indem diese die gemalten Zukunftsbilder interpretieren. „Die Mädchen und Jungen, die in meiner Studie zu Wort kommen, haben noch keine Stimme in der Politik“, so die Autorin einleitend. Mit diesem Buch sollte ihnen Gehör verschafft werden: „Denn sie erzählen uns mit ihren Zukunftsgeschichten, wovon sie träumen, was sie sich wünschen und wovor sie Angst haben.“ (S. 7)

 

Die Umweltpädagogin plädiert dafür, Zukunftsvisionen von Jugendlichen viel stärker im schulischen Unterricht zum Thema zu machen, da sie auf sehr authentische Weise „Fragen und Gespräche über den (Stellen-)Wert ökologischer und ökonomischer Entscheidungen für das zukünftige Leben auf unserem Planeten“ (S. 130) provozierten. Durch das Hereinholen persönlicher Zukunftsgeschichten könne der Bezug zwischen „fachlichem Wissen, lebensweltlichen Vorstellungen und kulturellen Bildern“ (ebd.) begünstigt werden. Nur so gelänge es, „sich der Bedeutsamkeit einer nachhaltigen Entwicklung für das persönliche Leben gewahr zu werden“ (ebd.) Und da wir sehr routiniert darin seien, Fragen wie nachhaltige Formen des Wirtschaftens, der Energiegewinnung bzw. des Fortschritts generell immer wieder zu verdrängen, sieht Unterbruner in den Befunden vor allem „Appelle an uns Erwachsene, den Zukunftsdiskurs aktiver zu führen“ (S. 7). H. H.

 

 

 

Unterbruner, Ulrike: Geschichten aus der Zukunft. Wie Jugendliche sich Natur, Technik und Menschen in 20 Jahren vorstellen. München: ökom-Verl., 2011. 143. S., € 24,95 [D], 25,70 [A], sFr 42,40

 

ISBN 978-3-86581-233-9