Die globale Krise ist ebenso gravierend wie facettenreich und durch Patentrezepte keinesfalls zu überwinden. Eine menschenwürdige Zukunft ist aber nur dann erreichbar, wenn die überwältigende Mehrheit der Erdbevölkerung, Schritt für Schritt das Heft selbst in die Hand nimmt, so die Einschätzung des Leiters des Afrika-Büros des Dritte Welt-Forums in Dakar, Samir Amin. Er glaubt aber nicht an Lösungen, die raschen Aufschwung versprechen, sondern sucht nach soliden Konzepten, denen eine fundierte Problembeschreibung und Kritik vorausgehen. Den Kapitalismus bezeichnet der Autor als selbstmörderisch und kriminell, denn er bestimmte nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern auch das Sozialsystem und sei weltumspannend. Es handelt sich, wie Amin sagt, "um ein von dem globalisierten Wertgesetz regiertes Wirtschaftssystem". Dieses führt "mit Notwendigkeit zur Polarisierung, d.h. zu mit der Akkumulation weltweit verbundener Verarmung". Die Zukunft dieses Systems ist für Amin zwar eine große Unbekannte, doch gebietet die Notwendigkeit der aktiven Gestaltung der Zukunft einen Blick darauf. Die Ausschau nach Alternativen läßt ihn auf das Verhältnis zwischen dem ökonomischen Gesetz des Kapitalismus und seinem politischen Funktionieren zurückgreifen. Die Lösung liegt für ihn in der Konstruktion einer polyzentrischen Welt und der Rekonstruktion von fortschrittlichen Gesellschaftsverträgen, die einen sozial und ökologisch tragfähigen Rahmen für die Lenkung des Marktes beinhalten müssen. Eingehend beschäftigt sich Samir Amin mit Europa und hält die Argumente für eine gemeinsame Geldpolitik für unzureichend, da eine parallel laufende Wirtschafts- und Sozialpolitik der Mitgliedstaaten fehle. Der Autor vermutet, daß die sozialen Gewitter, die diese Politik heraufbeschwört, ihr schneller als erwartet ein Ende setzen werden, sofern es nicht gelingt, ein ernstzunehmendes Gesellschaftsprojekt mit einer Zukunftsvision für unsere technologische Zivilisation (z.B. Zukunft der Arbeit) zu entwickeln. Insgesamt verspricht sich Amin nur von den "Volkskräften" (im Sinne einer zu entwickelnden Zivilgesellschaff die Errichtung einer menschenwürdigen Zukunft. Die Handlungsspielräume, "welche die Volkskräfte zu ihren Gunsten und für realisierbare radikale Reformen mobilisieren können", hängen aber von den konkreten Bedingungen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene ab. A. A.

Amin, Samir: Die Zukunft des Weltsystems. Herausforderungen der Globalisierung. Hamburg: VSA-Verl., 1997. 151 s. DM 26,80 / sFr 27,80/ öS 196