Natürlich ist die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt keineswegs ein Jugendphänomen. Doch leben Jugendliche nicht in einem gewaltfreien Raum, sondern sind zugleich immer wieder Opfer und Täter aggressiven Verhaltens. Biologische, psychologische, sozialwissenschaftliche und pädagogische Befunde zu diesem Thema versammelt der hier angezeigte Tagungsband.

 

Michael Köhlmaier, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch begnadeter Erzähler von Mythen und Märchen, berichtet einleitend, wie ihn das Grimmsche  Märchen vom „Mädchen ohne Hände“ als Kind bis in den Traum verfolgte. Faszination und Schrecken würden darin exemplarisch gezeigt; „Literatur interpretiert nicht“, so Köhlmaier, „sie zeigt, was ist“. „In Märchen wie in Träumen präsentiert sich der Mensch, der Einzelne (…) in seiner Absolutheit und seiner Totalität.“ (S. 17). „Das Schöne sagt: ich will, dass ist. Das Böse sagt: Ich will, dass nicht ist.“ (S. 19) Und „wehrt sich Schönheit auch gegen jede Vereinnahmung, verflüchtigt sich, wenn wir nach ihr greifen, so wären ohne sie nur Ödnis und Langeweile – wie in der Hölle.“ (S. 20)

 

Klaus Wahl– der Jugendforscher leitet unter anderem PAPIS („Psychosoziale Analysen und Prävention – Informationssystem“) erörtert die Wurzeln von Aggression und Gewalt. Diskutiert werden Definitionen und Dimensionen individueller Gewalt, einige Aspekte ihrer Verbreitung (die Gewaltbereitschaft von männlichen Jugendlichen im Alter von 15 Jahren in Europa ist in Armenien und Griechenland, aber auch in Österreich und Ungarn signifikant hoch, am niedrigsten hingegen in Portugal und Deutschland, [vgl. S. 24] sowie deren Ursachen. Dazu einige Befunde: Von der körperlichen Aggression bei Kindern bis zur Gewalttätigkeit von Erwachsenen dominiert der männliche Teil; bei der Beziehungsaggression (Intrige, Verpetzen) „tun sich hingegen schon kleine Mädchen eher hervor“ (S. 34). Wahl erörtert zudem Risikofaktoren von Aggression (Frustration, Ohnmachts-, Macht-oder Lustgefühle, ADHS u. a. m.), um abschließend Maßnahmen zur Prävention daruzulegen (bessere Information schon für PädagogInnen im Vorschulbereich, aufsuchende Hilfe für Männer gegenüber“ [56 zu 44 %] (S. 97). Schließlich konnte auch nachgewiesen werden, dass Religion zu Gewaltprävention beiträgt, sofern sie von einer kritischen Masse (etwa 12 % der Bevölkerung) praktiziert wird. Grundsätzlich, so Pfeiffer, sollte sich Erziehung an drei Prinzipien orientieren, denn jedes Kind brauche „Vorbilder an denen es sich orientieren kann, Aufgaben an denen es wachsen kann und Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt“. (S. 109)

 

Die weiteren Beiträge seien stichwortartig angeführt: Klaus Wolf (Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen) erörtert „Macht und Gewalt in der Erziehung“; Klaus Fröhlich-Gildhoff thematisiert Möglichkeiten der Gewaltprävention und -intervention als Teil der Organisationsentwicklung in Kindergarten und Schule; pädagogische Förderung und Therapie von aggressiven Kindern und Jugendlichen ist das Thema von Franz Petermann; Hanna-Barbara beschließt den Band mit Überlegungen zur Frage „Was verleiht uns Macht über die Macht?“ Walter Spielmann 

 

Die Macht der Aggression. Hrsg. v. Anna Maria Kalcher … (61. Int. Pädagogische Werktagung Salzburg)

Wien: G&G Verl., 2012. 214 S., € 22,90, sFr 34,35

ISBN 978-3-7074-1467-7