40 bis 50 Prozent der urbanen Arbeitsplätze in Afrika sind dem informellen Sektor, also nicht registrierten Kleinunternehmen mit nichtregulären Arbeitsverhältnissen zuzuordnen. Für Lateinamerika wird von ähnlichen Verhältnissen ausgegangen, Tendenz steigend. In den neuen Industriestaaten Ostasiens basiert die Ausweitung der Produktion und der Exporte zu einem großen Teil auf Klein- und Kleinstbetrieben (wie in Hongkong und Taiwan), Tendenz auch hier steigend. Und selbst in den OECD-Staaten breitet sich - neben der nach wie vor weitgehend unentgeltlich verrichteten Hausarbeit - wieder ein informeller Sektor aus. Er erfaßt vor allem die Bauwirtschaft sowie die Bekleidungs- und Elektroindustrie. Der Anteil der Schattenwirtschaft wird in den USA sowie in der EU je nach Region mit zwischen 4 und 30 Prozent beziffert. Dazu kommt die Zunahme von Teilzeitarbeit und geringfügigen Beschäftigungen. Der informelle Sektor wurde und wird insbesondere im Kontext der "Entwicklungsländer" als Prozeß der Selbstorganisation, der Selbsthilfe, als Ersatz für mangelhafte oder fehlende staatliche Leistungen oder auch als kreativer Entwicklungsimpulsgesehen (als prominente Vertreter Lateinamerikas gelten Hernando de Soto und Gustavo Esteva). mitunter auch romantisch verklärt.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO)hat bereits in den 70er Jahren die Vorzüge dieses auf einheimischem Kapital und lokalen Ressourcen, Familienarbeit, arbeitsintensiver, angepaßter, aber wenig produktiver Technologie hingewiesen, die Weltbank diese in den letzten Jahren - etwa im Zusammenhang mit den jüngsten Turbulenzen in den ostasiatischen Wachstumsökonomien - ebenfalls erkannt. Im vorliegenden Band werden zwar-die Chancen des informellen Sektors nicht geleugnet. aber anhand von Fallbeispielen sowie grundsätzlichen Analysen vor allem auch die Gefahren und Risiken aufgezeigt. Ausgehend von der Weltsystemtheorie I. Wallersteins u. a. wird insbesondere der Blick auf die Zusammenhänge von informeller und formeller Wirtschaft gelenkt, wenn etwa Großunternehmen in informellen Subunternehmen fertigen lassen, ein Prinzip, das z. B. in der Bekleidungsindustrie zum Regelfall geworden ist. Zugleich kann überzeugend dargelegt werden, daß die sich globalisierende kapitalistische Wirtschaftsweise in der Regel ohne reproduktiven und subsistenzorientierten Sektor ebenso wenig lebensfähig wäre wie eine Reduktion des Wirtschaftens auf die "Geld- und Warenökonomie" wünschenswert, was etwa Brigitte Holzer in ihrem Beitrag über das "Verschwinden der Haushalte" eindrucksvoll aufzeigt.

H. H.


Ungeregelt und unterbezahlt. Der informelle Sektor in der Weltwirtschaft. Hrsg. v. Andrea Komlosy ... Frankfurt/M. (u.a.): Brandes & Apsel (u.a.) 1997.248 S. (Historische Sozialkunde; 11) DM 39,80 / öS 291, - / sFr38,80