Die Stunde des Kynismus, der Lebensphilosophie der Krise, hat geschlagen. Vor dem Hintergrund dieser Feststellung fragt Sloterdijk, ob in einer Zeit, in der keine positiven Zustandserlebnisse mehr möglich sind, Glück überhaupt noch eine Chance hat. "Zeiten der chronischen Krise muten dem menschlichen Lebenswillen zu, permanente Ungewißheit als den nicht abänderbaren Hintergrund seiner Glücksbemühungen hinzunehmen. Sorgethemen haben inzwischen auch beim Gutgestellten erreicht, sich wie ein Schiffbrüchiger zu fühlen. "Noch nie waren so gut versorgte Menschen so sehr in Abbruchstimmung. Gegen die Eintrübung des Lebensgefühls und Demoralisierung der Aufklärung wird Blochs schöpferische Lebensfreundlichkeit, sein Prinzip Hoffnung, ins Feld geführt. Aber was nützen solche Ausdrücke, wenn keine Erfahrungen und Motive entdeckt werden, diese mit Sinn zu füllen. Dies sei auch von der "Intelligenz" nicht zu erwarten, der das Symptom der Selbsthemmung anhaftet. Sie befindet sich zudem in einer Zwischenstellung - geängstigt durch die Radikalität der Aussteiger und bemüht, "dem zum System geronnenen Zynismus des ,Spätkapitalismus' zu widerstehen "Die Szenerie der kritischen Intelligenz ist darum bevölkert von aggressiven und depressiven Moralisten, Problematikern, Problemoholikern und sanften Rigoristen, deren vorherrschende existentielle Regung das Nein ist. Genau dieser Moralismus ist für Sloterdijk das entscheidende Hindernis für die Korrektur des falschen Kurses. "Die Moral weiß ja immer schon mit tausendundeiner fixen Idee, wie wir und die Welt zu sein hätten und nicht sind. Aus der Summe von vitalen Unfähigkeiten tritt für den Autor eine besonders hervor: "die Fähigkeit, unter seriösen Vorwänden auf Zustände hinzuarbeiten, in denen es unvermeidlich sein wird, alles mit dem größtmöglichen Spektakel in die Luft zu sprengen, ohne daß irgendjemand sich-als den Schuldigen empfände. Was wir brauchen ist eine " amoralische gute Laune" gegen das Grau als Grundton eines Zeitalters.     

Sloterdijk; Peter: Der Geist der Utopie. In: Geist & Natur. 2. Jg. (1989), Nr. 1, S. 17-19