Marktwirtschaft reparieren

Entwurf einer freiheitlichen gerechten und nachhaltigen Utopie

Siemoneit-Marktwirtschaft-reparierenOliver Richters von der Vereinigung Ökologische Ökonomie und Andreas Simoneit vom Förderverein Wachstumswende sehen im technologischen Zugriff auf die Naturressourcen den zentralen Wachstumsmotor des Kapitalismus. Die Folge seien ökologische Zerstörung und technologische Arbeitslosigkeit. Nicht innovative Ideen, sondern die Möglichkeit, menschliche Arbeitskraft durch preiswerte Naturressourcen zu ersetzen, würde den Erfolg von Technologien ausmachen. „Mithilfe von Technologien werden die Leistungen natürlicher Rohstoffe am Markt als eigene Leistungen ausgegeben, und damit wird eine spürbare Schieflage der Einkommensverteilung zugunsten technischer Berufe erzeugt.“ (S. 20)

Weitere Schieflagen sehen die Autoren in der Zunahme leistungsloser Einkommen aus Bodenrenten und Vermögen sowie der Machtverschiebung hin zu großen Konzernen und Investoren. Eine neue Ressourcenpolitik, die den Naturverbrauch nicht nur teurer macht, sondern auch Kontingentierungen nicht ausschließt, eine leistungsgerechte Behandlung von Einkommen und Vermögen sowie die explizite Begrenzung von wirtschaftlicher Macht wären geboten, um den Prinzipien einer funktionierenden Marktwirtschaft – Leistungsgerechtigkeit, Externalisierung verhindernde Preise sowie tatsächlicher Wettbewerb – wieder Genüge zu tun. Würde die Politik die entsprechenden makroökonomischen Grenzen setzen, statt sich mit den Folgen falscher Anreize herumzuschlagen, ließe sich Wirtschaftspolitik vereinfachen, viele Detailvorschriften würden obsolet, so Richters und Simoneit. Vorrangig an die gesellschaftlichen Eliten sei die Frage zu richten, „ob sie eigentlich eine gerechte Gesellschaft wollen oder nicht, denn letztlich sind sie diejenigen, die politisches Handeln bewirken oder verhindern können“ (S. 164).

Die Stärke des Buches liegt darin, dass es an die Grundlagen einer freien Marktwirtschaft erinnert und anknüpft, die längst pervertiert wurden. Wie die vorgeschlagenen neuen Regeln im globalen Wettbewerb der Unternehmen und Staaten umgesetzt werden sollen, bleibt freilich offen. Die Autoren appellieren an die Einsicht der politischen Eliten. Voraussichtlich gewinnen Vorreiterstaaten nur Handlungsspielräume, wenn das Dogma des Freihandels über Bord geworfen wird und einzelne Wirtschaftsräume beginnen, andere Spielregeln zu setzen. Die Europäische Union wäre hierfür prädestiniert.

Von Hans Holzinger

Richters, Oliver; Siemoneit, Andreas: Marktwirtschaft reparieren. Entwurf einer freiheitlichen gerechten und nachhaltigen Utopie. München: oekom, 2019. 196 S., € 17,00 [D], € 17,50 [A]

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