Information, Ungewißheit und Risiko in der Marktwirtschaft

Geld ist leichter auszugeben als einzunehmen. Eine Binsenweisheit gewiß, und doch haben sowohl die Wirtschaftswissenschaften als auch die Soziologie Schwierigkeiten, das eigentliche Zentrum dieses Phänomens gebührend zu beschreiben. Für die Ökonomie ist vielfach noch Adam Smiths Metapher von der “unsichtbaren Hand des Marktes” aktuell, und Soziologen sprechen von einem Phänomen des “organisierten Kapitalismus”. Der systemtheoretische Ansatz Baekers sucht den Prinzipien der Marktwirtschaft durch die Beschreibung von Ereignissen anstelle von Strukturen auf die Spur zu kommen.

Das überraschende Ergebnis dieses Ansatzes ist, kurz gefaßt, die Tatsache, daß die Wirtschaft ein sich selbst beobachtendes System von höchster Komplexität ist. In einem stets fluktuierenden Prozeß überwiegt die Ungewißheit, fällt Gewißheit nur momentweise (und doch immer wieder) an. Jeder Moment enthält demnach Informationen und Risiken, die vor allem an drei Schnittstellen zu beobachten sind: Leichte Geldausgabe und unsichere Einnahme, monetäre Beweglichkeit bei struktureller Unbeweglichkeit sowie die Differenz von Operation und Beobachtung bestimmen das Marktgeschehen.

Die Darstellung Baeckers setzt ein hohes Maß an ökonomischem und soziologischem Wissen, vor allem aber auch die Kenntnis systemtheoretischer Terminologie voraus. Wie auch immer Fachleute dieses Modell aufnehmen und diskutieren mögen: Die auch dem Außenstehenden offenkundige Tatsache, daß Strukturbeschreibungen dem wirtschaftlichen Ablauf nicht gerecht werden, (meist unliebsame) Ereignisse die Theorie vielmehr beständig widerlegen, spricht für die hier erprobte Sichtweise von außen. Es geht jedoch nicht nur darum, zu ergründen, “wie in der Wirtschaft selbst beobachtet wird, was in der Wirtschaft geschieht”, sondern auch zu reflektieren, “was sie nicht sieht”. Da die Wirtschaft selbstreferierend funktioniert, bleiben andere gesellschaftliche Systeme wie Recht, Politik, Wissenschaft und Religion solange ausgeblendet, als sie nicht in das eigene System integrierbar sind. So werden etwa “ökologische Gefährdungen (nur) abgebaut, wenn es Gewinn verspricht, und sie werden in Kauf genommen, wenn es wirtschaftliche Verluste bringen würde, ihnen zu begegnen”. Ob eine derart funktionierende Wirtschaft als „raffiniert” oder gar “geistvoll“ bezeichnet werden kann, mag offenbleiben. Dieser Befund, und mehr noch die fast täglich wachsenden Beispiele ökologischer und sozialer Gefährdung legen es nahe, die tatsächlich dringenden Anliegen der Gesellschaft zu jenen der Wirtschaft zu machen. Wo diese selbst die entscheidenden Aufgaben ungenügend wahrnimmt, ist die Politik gefordert, die ökonomische Attraktivität des Notwendigen zu gewährleisten.

Baecker, Dirk: Information und Risiko in der Marktwirtschaft. FrankfurtlMain: Suhrkamp, 1988.382 S. DM 48,-/ sfr40,70/ öS 374,40

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