Reinhold Popp hat mit „Zukunft der Wissenschaft“ einen der wichtigsten Sammelbände zur Zukunftsforschung des deutschen Sprachraums veröffentlicht. An diesem Unternehmen haben mit Gerhard de Haan, Holger Rust, Axel Zweck, Markus Pausch, Karlheinz Steinmüller, Kerstin Cuhls, Lars Gerhold, Elmar Schüll, Heiko Berner, Christan Neuhaus, Dirk Holtmannspötter und Beate Schulz-Montag viele der ForscherInnen mitgewirkt, die zur Zeit die Debatten über den Forschungszweig „Zukunft“ prägen.

Popp verfolgt mit dem Buch ein klares Ziel. Er versucht das Profil der Zukunftsforschung zu schärfen. Das bedeutet vor allem die Abgrenzung gegenüber Texten, die ebenfalls den Begriff Zukunftsforschung im Titel führen. Popp erklärt genau, wo die Schnittstelle seiner Meinung nach sein soll. Zukunftsaussagen auf der Basis von Berufs- und Lebenserfahrung seien eben keine Forschung, genauso wenig wie das Zusammentragen von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, Publikationen unter dem Begriff des „Mindset“ oder anekdotisch-journalistische Zukunftsliteratur. (S. 14) Popp bestreitet keineswegs die Bedeutung solcher Publikationen, er will nur den Begriff „Zukunftsforschung“ nicht dafür verwendet wissen. Er grenzt das Profil der Zukunftsforschung aber nicht nur negativ ab, sondern liefert auch einen Vorschlag der positiven Bestimmung. Zukunftsforschung müsse sich von dem weit verbreiteten objektivistischen Anspruch befreien und sowohl ihre Möglichkeiten als auch ihre Grenzen realistisch einschätzen. Diese Zukunftsforschung bestehe dann darin „die Ungewissheit zukünftiger Entwicklungen in aller gebotener Gelassenheit einzugestehen, die damit verbundene Zukunftsangst nicht durch neurotische Schein Sicherheiten abzuwehren, durch unaufgeregte, unabhängige und methodisch seriöse Forschung möglichst viel Wissen über (wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche) Entwicklungsmöglichkeiten zu generieren, an den frühen messtechnischen Grenzen der empirisch-statistischen Erfassung der Komplexität gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Prozesse nicht zu verzweifeln, sondern sich auf die narrativen Traditionen der Sozialwissenschaft zu besinnen.“ (S. 19) Popp setzt sich auch mit der Frage der Methoden der Zukunftsforschung auseinander. „Wenn der Zukunftsforschung kein eigenständiges Methodenrepertoire zugestanden wird, ist dies kein Mangel, sondern eine Chance.“ (S. 21) Denn die zukunftsorientierte Forschung könne die ganze Vielfalt der in der Wissenschaftsgeschichte entwickelten und bewährten empirischen und hermeneutischen Forschungsmethoden nutzen.

Weitere Beiträge in dem Sammelband befassen sich mit dem Studiengang für Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin (Gerhard de Haan), der Kritik der boulevardesken Trendforschung (Holger Rust), dem zukunftsbezogenen Wissensmanagement (Axel Zweck), der Tradition der französischen Zukunftsforschung (Markus Pausch), der Szenario-Technik (Karlheinz Steinmüller), neueren Entwicklungen im Bereich des Delphi-Verfahrens (Kerstin Cuhls), der Methodenkombination (Lars Gerhold) sowie dem wissenschaftstheoretischen Diskurs in der Zukunftsforschung (Elmar Schüll und Heiko Berner). Ein AutorInnenteam informiert schließlich über die Bemühungen einer Arbeitsgruppe des Netzwerks Zukunftsforschung, um „Gütekriterien“ für die wissenschaftlich fundierte Klärung von Zukunftsfragen zu formulieren. S. W.

 

Reinhold Popp: Zukunft und Wissenschaft. Wege und Irrwege der Zukunftsforschung. Berlin (u. a.):Springer, 2012. 220 S., € 54,99 [D, A], sFr 65,99ISBN 978-3-642-28954-5