Der von Günter Burkart herausgegebene Sammelband behandelt in insgesamt 15 Beiträgen verschiedene Facetten des Themenkreises „Familie“. Obwohl die Autorinnen und Autoren fast ausschließlich Soziologinnen bzw. Soziologen sind, wird ein breites Spektrum an Themen aufgemacht: Beispielsweise schreibt Elisabeth Beck-Gernsheim zu verschiedenen Formen von Ferngemeinschaften, die im Zuge der Globalisierung häufiger werden. Andere Beiträge drehen sich um das Verhältnis von Beruf, Mobilität und Familie, um Kinderbetreuung und Geschwisterbeziehungen, um Hausarbeit, Aspekte gleichgeschlechtlicher Partnerschaft oder um die Aussagekraft demographischer Prognosen für die Familiensoziologie.

 

Wie häufig in der Zukunftsforschung werden in den Artikeln vor allem gegenwärtige Entwicklungen und aktuelle Studienergebnisse vorgestellt, von denen anzunehmen ist, dass sie eine gewisse Zeit in die Zukunft tragen werden. Die meisten Autorinnen und Autoren stellen auf dieser Basis jedoch auch weitergehende Überlegungen zur zukünftigen Entwicklung von Familie an. Sie benennen die für ihr Thema in Zukunft wichtigsten Einflussfaktoren, geben am Ende ihrer Artikel einen kurzen Ausblick oder entwickeln Mini-Szenarien. An diesen Stellen wird einmal mehr deutlich, wie schwer sich die Wissenschaft, auch die Familiensoziologie, mit der Generierung von fundierten Zukunftsbildern tut, wie schwer es ihr trotz der offensichtlich vorhandenen Fachkompetenz fällt, belastbare Aussagen zu zukünftigen Entwicklungen zu machen. Günter Burkart spricht in seiner Einleitung die wissenschaftlichen Möglichkeiten und Grenzen in dieser Hinsicht explizit an. Am Beispiel des zweiten demographischen Übergangs illustrieren Dirk Konietzka und Michaela Kreyenfeld, dass es mangels einer eindeutigen theoretischen Fundierung häufig sogar schwer fällt, gegenwärtige Veränderungen verlässlich zu interpretieren.

 

 

 

Familien werden bunter

 

Trotz dieser Einschränkungen sind sich die Autorinnen und Autoren einig: Es wird bunter werden in den Familien. Verschiedene Entwicklungen wie die Aufweichung von gesellschaftlich wirksamen Normen, die Veränderungen bei den rechtlichen Grundlagen zur Eheschließung, die zunehmende Mobilität über regionale und nationale Grenzen hinweg, die Möglichkeiten, Kinder später, über einen längeren Zeitraum, gezielt mit medizinischer Unterstützung oder auch gar nicht zu bekommen, führen in ihrem Zusammenspiel dazu, dass das Spektrum an Familienformen in Zukunft wohl weitaus vielfältiger sein wird als heute.

 

Und dennoch: Die Kern- oder Kleinfamilie hat deswegen noch lange nicht ausgedient. Zum einen erhalten die genannten Veränderungen ihre Aufmerksamkeit ja gerade deshalb, weil sie empirisch feststellbare Abweichungen von dem darstellen, was nach wie vor üblich ist. Zum anderen ist die Kern- oder Kleinfamilie trotz aller quer- und gegenläufigen Trends immer noch als gesellschaftlich wirksame Idealvorstellung in den Köpfen verankert. Daran ändern auch die normativ stark aufgeladenen Ausführungen von Matthias Grundmann und Dieter Hoffmeister zu den Alternativen zur bürgerlichen Kleinfamilie nichts.

 

Auch die Zukunftsforschung hat hier wenig Innovatives zu bieten. Vanessa Watkins und Cornelia Daheim haben für ihren Beitrag zehn Szenariostudien analysiert, die im Zeitraum von 1972 bis 2006 zur Zukunft der Familie entstanden sind. Das Ergebnis: Familie ist eine „Utopie-Leerstelle“. Günter Burkart bestätigt diese Einschätzung in seiner Einleitung. Demnach arbeitet sich die Familiensoziologie noch heute an den Themen ab, die bereits 1970 gesetzt waren. Was könnten die Ursachen dafür sein? Vanessa Watkins und Cornelia Daheim bringen in ihrem Beitrag hierzu drei Thesen: 1. „Zukunftsdenken korreliert mit politischen bzw. gesellschaftlichen Umbruchphasen und derzeit sind wir noch mit der Umsetzung von Visionen aus den 1970er Jahren beschäftigt“ (S. 46); 2. „Zukunft wird mit dem Neuen und Anderen gleichgesetzt. Auf der Suche nach dem vermeintlich Neuen werden häufig Entwicklungspfade übersehen, die bei genauer Analyse der Gegenwart sichtbar würden.“ (S. 47). 3. „Von der Familie geht kein zentrales Entwicklungsmoment aus, sie ist vor allem von anderen Entwicklungen getrieben.“ (S. 48).

 

Vielleicht gibt es in Bezug zum familiären Zusammenleben in der Tat keine Utopien, keine großen Gegenentwürfe zum gegenwärtig gelebten Alltag. Der Sammelband zeigt jedoch in seiner Gesamtheit, dass sich dieser Alltag auf vielfältige Weise in Veränderung befindet. In diesem Sinne ist diese Kompilation sowohl für die Zukunftsforschung als auch für die Familiensoziologie eine Bereicherung und sehr empfehlenswert. E. Sch.

 

Zukunft der Familie. Prognosen und Szenarien. Hrsg. v. Günter Burkart. Opladen (u.a.): Budrich, 2009. 316 S. (Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 6) € 48,- [D], 49,40 [A], sFr 84,-

 

ISBN 978-3-86649-237-0