Die Welt steht am Abgrund. Um sie zu retten, liefert Thomas L. Friedman, Kolumnist der New York Times, in einer gut lesbaren Mischung aus Fakten und Erzählung in Form eines Ratgebers  eine ökologische Agenda für das 21. Jahrhundert.  Friedman beschäftigt sich nach seinem Bestseller über Chancen der Globalisierung („Die Welt ist flach“, 2006) jetzt mit zwei weiteren wichtigen Kräften, die unseren Planeten auf fundamentale Weise beeinflussen: die globale Erwärmung und das Wachstum der Erdbevölkerung. Bestimmt und begleitet würde diese Entwicklung u. a. von der wachsenden Nachfrage nach immer knapperen Energie- und Rohstoffvorräten, und den damit einhergehenden Reichtum der ölreichen Staaten, eine neue Art der Armut, die eine Trennung innerhalb der Welt herbeiführt (zwischen Energiebesitzern und Energiehabenichtsen) und den beschleunigten Rückgang der Artenvielfalt durch das rasend schnelle Aussterben von Pflanzen- und Tierarten (vgl. S. 41) dramatisch verstärkt.

 

Dass die Welt, und allen voran Amerika, endlich aufwachen müsse, hat man nach ein paar Seiten wohl verstanden. Dazu hätte es aber nicht der Beweiskraft der hier aufgebotenen Zeugen für die offensichtlichsten Zusammenhänge und Fakten bedurft. Von einer der Tugenden Amerikas könnten wir Europäer allerdings doch lernen, nämlich die Begeisterung dafür, sich immer wieder neu zu erfinden.

 

Der Zeitpunkt der Publikation könnte nach dem Wechsel im Präsidentenamt der USA nicht besser gewählt sein. Gerade die Amerikaner haben sich mit ihrem ungehemmten Energieverbrauch als große Energiesünder erwiesen und in Sachen Klimaschutz bis dato einiges versäumt. Und jetzt, so die These Friedmans, sollten die USA in der Lage sein, eine Führungsrolle im Bereich der sauberen Energie und des Naturschutzes zu übernehmen. Das mutet aufs Erste allzu optimistisch, für manche vielleicht gar überheblich an und bedarf daher der näheren Prüfung.

 

Friedman sieht in der Umweltverschmutzung im Wesentlichen eine Form von Drogenproblem: das ölabhängige Amerika müsse endlich clean werden. (Dass dabei nicht immer ganz klar ist, ob amerikanische oder globale Interessen im Vordergrund stehen, ist eigentlich nebensächlich.)

 

 

 

Weltrettung auf amerikanisch

 

Durchaus erfrischend an Friedmans Buch ist auch, dass die Weltrettung einmal nicht alleine durch den oft propagierten Verzicht erreicht wird. Als bekennender Wirtschaftsliberaler glaubt der Autor nicht, dass Vorschriften den Klimawandel verhindern werden; dies sei einzig und allein durch technologische Innovationen zu erwarten. Diese jedoch benötigen klare staatliche Regeln. Auf dieser Basis werde sich ein Markt für saubere Energie entwickeln, der die globale Energiewende bringt und zudem den USA den Spitzenplatz in der Weltwirtschaft sichert. Dies könne nur durch eine systematische Umgestaltung der Wirtschafts- und Energiepolitik werden, was insofern erstaunt, als Friedman bisher nicht als das grüne Gewissen der Nation in Erscheinung getreten ist. „Amerika zum grünsten Land der Welt zu machen“, schreibt er, „ist kein Akt selbstloser Mildtätigkeit oder naiven Moralisierens. Es handelt sich vielmehr um eine Kernfrage nationaler Sicherheit und wirtschaftlicher Interessen.“ (Friedman, S. 37) Als mögliche Protagonisten seiner „Revolution“ sieht der Autor vor allem amerikanische Unternehmer und die (neue) amerikanische Regierung, die die strukturellen Voraussetzungen dafür schaffen könnte. Klimapolitik, so der Autor, ist Geopolitik mit anderen Mitteln, die für sein Land auf eine Win-win-Situation hinausläuft: Ein energiepolitisch unabhängiges Amerika könnte u. a. dem „ölfinanzierten Terrorismus“ den Geldhahn abdrehen und so ganz nebenbei die Klimaerwärmung aufhalten. Und so lösen wir unsere eigenen Probleme, „indem wir der Welt helfen, ihre Probleme zu lösen“. [Offenbar sehen sich die USA immer wieder dazu berufen, die Welt zu retten – sei’s vor dem Terrorismus oder der Klimaerwärmung.]

 

 

 

Grüne Weltrevolution

 

Friedmans Handlungsanleitung (205 einfache Wege, die Erde zu retten, S. 267 - 284) für eine „grüne Weltrevolution“ gipfelt in der Phantasie, Amerika könne als „China für einen Tag“ die erforderlichen gesetzlichen und infrastrukturellen Änderungen einfach von oben erlassen, als wäre der Kapitalismus eine Modelleisenbahn, die man nur mal kurz umgekehrt aufs Gleis stellen muss, damit sie wieder in die richtige Richtung fährt: „Wenn Washington alle nötigen Veränderungen verordnen und ideale Marktbedingungen für Innovationen schaffen könnte, um dann der natürlichen Energie des kapitalistischen Systems Amerikas freien Lauf zu lassen –  das wäre ein Traum.“ (S. 485)

 

Tatsächlich sind wir von der „grünen Revolution“ derzeit noch weit entfernt. Zwar gibt es unzählige kleine Bemühungen (von Sonnenkollektoren auf Hausdächern bis zu Hybridautos). Um das Klimaproblem in den Griff zu bekommen, wird es aber einer koordinierten, transnationalen Aktion bedürfen, bei der sowohl Regierungen als auch Unternehmer sowie Konsumenten teilnehmen. In seinen Vorschlägen zwischen Ordnungspolitik und Wirtschaftsliberalismus ist Friedman durchaus widersprüchlich und US-zentriert. Was bleibt ist ein fahler Nachgeschmack und Allerweltsweisheiten garniert mit Anekdoten über tolle Gespräche mit ganz wichtigen Menschen. A. A.

 

Friedman, Thomas L.: Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert. Frankfurt/M.: Suhrkamp-Verl., 2009. 539 S., € 24,80 [D], 25,50 [A], sFr 42,20

 

ISBN 3518420585