Man möchte kaum glauben, was Rainer Fromm und Richard Rickelmann über die Gepflogenheiten im deutschen Gesundheitswesen zu berichten wissen. Im Stil investigativer Journalisten haben es sich die beiden seit Jahren (auch in Form brisanter TV-Dokumentationen) zur Aufgabe gemacht, vor allem die Usancen der deutschen Pharmaindustrie unter die Lupe zu nehmen. Einst als „Apotheke der Welt“ gepriesen, sei Deutschland zwar inzwischen zur „Bananenrepublik der Pharmamultis degradiert“ (S. 114), behaupte aber unangefochten und ohne Widerspruch der Politik seine Spitzenstellung als „Pharma-Verwöhnland“ (S. 88). So ein Beispiel für eine Fülle pointierter kritischer Anmerkungen, die jedoch – und darin liegt der eigentliche Skandal – ganz offensichtlich der Realität entsprechen.

 

Einige Zahlen gefällig? In Deutschland sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für Arzneimittel zwischen 1993 und 2009 von 14,2 auf 32,4 Mrd. Euro gestiegen und haben sich damit mehr als verdoppelt; anstatt der rund 1.500 Medikamente, die zur Versorgung der Bevölkerung auf höchstem Niveau ausreichen würden, sind auf dem Markt rund 50.000 Präparate verfügbar (S. 10f.); bis zu 20 Mrd. Euro gehen nach Schätzungen von „Transparency“ durch Korruption im Gesundheitssystem verloren (S. 96); wenn man davon ausgeht, dass die Arzneimittelpreise in Deutschland rund 30 Prozent über dem europäischen Durchschnitt liegen, dann könnten etwa fünf Milliarden Euro pro Jahr eingespart oder die Beiträge zur gesetzlichen Krankenkasse um zwei Prozent gekürzt werden (S. 70).

 

Gestützt auf verlässliche Quellen und ausgestattet mit einer Vielzahl von Daten und Fakten legen die beiden Autoren die Schwachstellen eines Systems offen, von dem – es gilt im Einzelfall natürlich die Unschuldsvermutung – Ärzte, Pflege, Gesundheitsversorger, Kassen und Pharmaunternehmen gleichermaßen profitieren, und das die Politik zu verändern entweder nicht bereit oder in der Lage ist. Ausgehend von der Praxis der „Anwendungsbeobachtungen“, die nach Schätzungen rund 25.000 – das sind rund fünf Prozent der niedergelassenen Ärzte – für zusätzliche Einnahmen nutzen, über die weit verbreitete Korruption in Sanitätshäusern (die wiederum die Mediziner bedienen), bis hin zu den Geschäftsgepflogenheiten der Pharmareferenten reichen die eingangs geschilderten, eher kleinen Gefälligkeiten. Der Macht der Pharmariesen – exemplarisch erörtert anhand der wirkgleichen Medikamente „Lucentis“ und „Avastin“ –, dem generellen Versagen der Gesundheitspolitik (etwa im Hinblick auf eine angemessene Preisgestaltung oder die Durchsetzung von Positivlisten), den mehr als fragwürdigen Praktiken bei der Zulassung von nachweislich gesundheitsgefährdenden Medikamenten sowie der Problematik der Mehrfachmedikation sind weitere Kapitel gewidmet. Wenn, wie eine Untersuchung von 129 Heimbewohnern ergab, 76,8 Prozent der Patienten mit „arzneimittelbezogenen Problemen“ zu tun hatten, ist es wohl nicht abwegig, von „chemischer Gewalt gegen ältere Menschen“ zu sprechen (S. 142). Die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Industrie mit öffentlichen Prüfinstanzen wie dem Kölner „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWIG), dessen ehemaligem Leiter Peter Sawicki übrigens so etwas wie die Rolle eines „Kronzeugen“ zukommt, die bewusste Verknappung von Angeboten sowie die zunehmende Privatisierung im Gesundheitswesen sind weitere Aspekte des hier dargelegten Versagens des Gesundheitssystems auf breiter Front.

 

Das Resümee der Autoren ist an Deutlichkeit kaum zu überbieten: „Das ungezügelte Abkassieren der Pharmaindustrie und bestimmter Ärztegruppen ist der Tod des Sozialsystems, dem Deutschland eineseiner stabilsten Phasen seit Jahrhunderten verdankt. Die solidarische Gesellschaftsstruktur zu gefährden, würde auf Dauer auch das Land destabilisieren. Höchste Zeit also, verhängnisvolle Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem zu beheben. Dazu gehört es, das unsinnige Wachstum zu beenden.“ (S. 218) Dass auf diesem Weg zur Besserung nicht nur die benannten Akteure, sondern vor allem auch die PatientInnen einen wesentlichen Beitrag zu leisten hätten, indem sie etwa dem Grundsatz „Weniger ist mehr“ Beachtung schenken, lassen die Verfasser anklingen, ohne jedoch die Voraussetzungen und Konsequenzen dieses Ansatzes näher zu beleuchten. Publikationen wie diese sind jedoch eine wichtige Voraussetzung dafür, grundlegend darüber nachzudenken, was Gesundheit bedeutet – und entsprechend zu handeln. W. Sp.

 

Fromm, Rainer; Rickelmann, Richard: Ware Patient. Woran unsere medizinische Versorgung wirklich krankt. Frankfurt/M.: Eichborn-Verl., 2010. 256 S., € 17,95 [D], 18,50 [A], sFr 31,40 ; ISBN 978-3-8218-6522-5