„Ein Tag in meinem Leben in zwanzig Jahren“ – so lautete die Aufgabe, die die Sozialwissenschaftlerinnen Frigga Haug und Ulrike Gschwandtner* Jugendlichen aus Deutschland und Österreich stellten. An die 500 Aufsätze von 13- bis18-Jährigen, gesammelt an Schulen unterschiedlichen Typs von der Sonderschule bis zum Gymnasium, analysierten die beiden und erhielten so Analysematerial zur Fragestellung, wie Jugendliche von heute ihre Zukunft imaginieren. Im vorliegenden höchst aufschlussreichen Band stellen die Autorinnen ihre Ergebnisse vor – nicht empirisch, sondern reflexiv-wertend.

 

Die Zukunftsvorstellungen der Jungen fallen in der Regel sehr nüchtern-angepasst aus: im Zentrum stehen eine harmonische Familie (in der es kaum Konflikte gibt), ein kräfteforderndes Erwerbsarbeitsleben, das kaum hinterfragt wird (der Wecker läutet in der Regel um sechs Uhr früh, Länger-Arbeiten wird wie selbstverständlich hingenommen) sowie ein konventionelles Freizeitverhalten (von Fernsehen bis Fernreisen). Realistisch erscheinen auch die Karrierechancen: RealschülerInnen sehen sich in einfachen Berufen wie Mechaniker oder Krankenschwester, GymnasiastInnen in „höheren“ Berufen wie Chirurg, Anwältin oder Modedesignerin oder einfach Chef/in einer Firma. Auffallend ist die Häufung von High-Tech-Berufen bei Burschen – viele von ihnen arbeiten in der Computerbranche. Utopien beschränken sich in der Regel auf aus Science-Fiction-Klischees bekannte Topoi wie robotergesteuerte Haushalte oder fliegende Autos. Besitz ist insbesondere bei GymnasiastInnen von großer Bedeutung – er äußert sich in großen Häusern, Swimmingpools und Autos, Butlern sowie Privatschulen für die Kinder. Anders als in früheren Untersuchungen (v. Frigga Haug) sind die Geschlech- terstereotypien aufgelockert – es gibt auch Männer, die sich um Haushalt und Kinder kümmern, mehrheitlich bleiben diese aber Domänen der Frauen, die daher und dafür in der Regel Teilzeit arbeiten. Auffallend ist das offensichtliche Funktionieren in der Alltagswelt: „Was den Geschichten weithin fehlt, sind alle die großen menschlichen Werte, die insbesondere die Jugend vorhergehender Epochen angetrieben hat: Freundschaft, Liebe und Treue, Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit vor allem.“ (S. 60) So kommen auch gesellschaftliche Themen wie Arbeitslosigkeit, Armut, Krieg oder Umweltzerstörung so gut wie nicht vor, aber auch rassistische oder fremdenfeindliche Töne werden nicht angeschlagen – Gesellschaft ist generell kein Thema.

 

Dies und dass es kaum Widerspruch zur herrschenden Wirtschaftslogik von angepasstem Leistungsdenken, Geldverdienen und Konsum gibt, sehen die Autorinnen als warnendes Indiz für eine Bewusstseinsspaltung, die privates Glück loslöst von den gesellschaftlich-ökonomischen Bedingungen bzw. Krisen. Besitz „konzentriert die Entwürfe von Zukunft ins Private, zieht die Energie aus der Welt und fixiert auf Konsum. Es gibt kein Projekt, schon gar kein gemeinsames.“ (S. 153), so der ernüchternde Befund. Schule verstanden als „demokratischer Ort“ (S. 66) müsse dem entgegenwirken. Nicht weniger wichtig als die messbaren Kompetenzen (abfragbare Pisa-Ziele) seien sozial-emanzipatorische Ziele: „Das Begreifen der Möglichkeit, die Gestaltung des Lebens gemeinsam mit anderen anzugehen, die Gesellschaftlichkeit der eigenen Existenz zu erkennen und Letztere so zu gestalten, dass sie ´lebenswert´ ist.“ (S. 155) Das vorliegende Buch – auch für LehrerInnen verfasst – gibt wertvolle Denkanstöße dazu. H. H.

 

Haug, Frigga; Gschwandtner, Ulrike: Sternschnuppen. Zukunftserwartungen von Schuljugend. Berlin: Argument, 2006. 165 S., € 9,90 [D], 10,20 [A], sFr 17,30

 

ISBN 978-3-88619-471-1