Selbstbestimmung oder Mitleid?

Ausgabe: 2016 | 1

vanloenenGerbert van Loenen, Stellvertretender Chefredakteur der in Amsterdam erscheinenden Zeitung „Trouw“, setzt sich an dieser Stelle dezidiert kritisch mit der in den Niederlanden seit 2001 legalisierten aktiven Sterbehilfe (Euthanasie) auseinander. Er beschreibt eingangs die intensive und über Jahre andauernde Diskussion des Themas in seiner Heimat und macht u. a. drauf aufmerksam, dass das geltende Recht „von Christen nicht bekämpft, sondern erkämpft wurde“ (S. 28). Wie aber kann, so fragt der Autor, verantwortungsvoll zwischen „sinnvollem“ und „sinnlosem“ Leben unterschieden werden? Vor allem aber stellt er fest, dass es „auch logische Gründe gibt, die es fast unmöglich machen, eine Tötung auf Verlangen zu fordern, ohne auch unverlangte Lebensbeendigungen zuzulassen“ (S. 17). Wann – so ein zentraler Aspekt – ist die unverlangte Beendigung menschlichen Lebens erlaubt? Obwohl Kinder unter zwölf Jahren dem Gesetz nach von der Gewährung aktiver Sterbehilfe ausgenommen sind, werde sie immer wieder praktiziert, argumentiert der Autor, und verweist darauf, dass auch die Tötung aus Mitleid gang und gäbe sei (etwa bei Babys, Komapatienten oder an Demenz Erkrankten). Im Jahr 2012 seien in den NL 3.965 Fälle aktiver Sterbehilfe gemeldet worden, belegt van Loenen, und  macht damit auf die doch erhebliche Dimension des Themas aufmerksam; in 38 Fällen habe es sich dabei um eine Mischung aus aktiver Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung gehandelt (S. 76). Auch nach der gesetzlichen Regelung gebe es immer wieder neue Streitfragen, berichtet der Autor, u. a. mit Verweis auf die Praxis mobiler Teams, die Hilfe zur Selbsttötung für ältere, lebensmüde Menschen anbieten (vgl. S. 106ff.). Insgesamt, so van Loenen, befänden sich die Niederlande auf einer „schiefen Ebene“, denn „von aktiver Sterbehilfe im klassischen Sinne bis hin zur Lebensbeendigung bei behinderten Neugeborenen, (…) gibt es offensichtlich eine lange Entwicklung“ (S. 145). Geschrieben aus persönlicher Betroffenheit ist dieses Buch ein ernst zu nehmender, wichtiger Einwand gegen den leichtfertigen Umgang mit der Verantwortung gegenüber fremdem  – unter welchen Umständen auch immer –, geschenktem Leben.

Gerbert van Loenen: Das ist doch kein Leben mehr! Warum aktive Sterbehilfe zu Fremdbestimmung führt. Frankfurt/M.: Mabuse, 2015 (2. Aufl.). 250 S., € 19,90 [D], 20,50 [A] ISBN 978-3-86321-133-2