borasioG. D. Borasio legt mit diesem Buch einen an Seiten schmalen, im Blick auf das gewählte Thema hingegen gewichtigen Band vor: Gewissermaßen eine Anleitung für den Umgang mit dem Tod für Fortgeschrittene. Mit „Über das Sterben“ hatte der Autor – er lehrt Palliativmedizin in Lausanne und München – einen vergleichsweise breit rezipierten Band über den aktuellen Umgang mit dem Tod in unserer von der Chimäre juveniler Dauerhaftigkeit geprägten Epoche publiziert. An dieser Stelle nun präzisiert er, veranlasst durch die aktuelle Diskussion zur Sterbehilfe in Deutschland, die brisante Thematik und legt überzeugend dar, dass es „zu kurz gegriffen und zudem realitätsfremd ist, wenn man die Debatte über die Autonomie am Lebensende auf die Selbstbestimmung des Todeszeitpunktes reduziert.“ Denn in der Praxis sei „dies nur für eine sehr kleine Anzahl von Menschen das ausschlaggebende Kriterium“ (S. 9).

Im ersten Abschnitt, der den Begriff der „Sterbehilfe“ präzisiert, konstatiert der Autor, dass die aktuelle Diskussion in einem erheblichen Maße irrational geführt werde, da die demographische Entwicklung dabei weitgehend außer Acht gelassen wird. Der Wunsch der großen Mehrheit „schnell und schmerzlos“ zu sterben, werde sich nur für ca. 5 % der Moribunden erfüllen. Hingegen wird das langsame, „von fast niemandem erwünschte Sterben im Rahmen einer Demenzerkrankung […] in Zukunft für 40-50 % der Todesfälle verantwortlich sein, Tendenz steigend (S. 15). Die Politik – und das ist ein gewichtiger Vorwurf – reagiere auf diese mit großer Sicherheit prognostizierbare Entwicklung bisher nicht, kritisiert Borasio und benennt als Voraussetzung für eine „vernünftige Diskussion“ u. a. eine Klarstellung der wesentlichen Fachbegriffe, die Trennung zwischen emotionalen und ideologiebehafteten Argumenten und vor allem die Erweiterung des Begriffs der Sterbehilfe in Richtung der Wünsche und Prioritäten der betroffenen Menschen (vgl. S 25).

Im Folgenden erläutert der Autor die Begriffe und medizinische Indikationen der „passiven“, der „indirekten“ und „aktiven“ Sterbehilfe. Letztere ist in Österreich wie in Deutschland verboten, in den Niederlanden und Belgien unter ärztlicher Kontrolle und unter bestimmten Voraussetzungen seit 2002 hingegen erlaubt. Die Tötung auf Verlangen wurde 2012 in Belgien bei 16 von 1000, in den Niederlanden in 28 von 1000 Todesfällen in Anspruch genommen (Tendenz steigend); der assistierte Suizid spielt hingegen kaum eine Rolle (vgl. S. 66). Nach Erläuterung der derzeit gültigen Terminologie und der damit in Widerspruch stehenden Praxis plädiert Borasio im Kontext der Sterbehilfe für die Einführung „neuer Begrifflichkeiten“: die „zulässige Leidenslinderung bei Gefahr der Lebensverkürzung“, die „Nicht-Einleitung oder Nicht-Fortführung lebenserhaltender Maßnahmen“ sowie „Tötung auf Verlangen“. Mit Blick auf Erfahrungen in der Schweiz und in Oregon wird zudem die Praxis des „assistierten Suizids“ und der freiwillige Verzicht auf Flüssigkeit und Nahrungsaufnahme thematisiert, und auch der Sterbetourismus angesprochen. So haben nach Angaben der Schweizer Organisation Dignitas zwischen 2002 und 2012 insgesamt 713 deutsche Staatsangehörige die Möglichkeit der Suizidbegleitung in Anspruch genommen (vgl. S. 96). In Zusammenfassung der Diskussion unterbreitet der Autor einen Gesetzesvorschlag, der 1.) die Suizidhilfe generell unter Strafe stellt, aber für Ärzte und Angehörige Ausnahmen vorsieht; der 2.) die Ausnahme für Ärzte im Detail regelt; der 3.) keinen Arzt zur Durchführung von Sterbehilfe verpflichtet und der 4.) jede Form der Werbung für Sterbehilfe unter Strafe stellt (vgl. im Einzelnen S. 100ff.).

Was bedeutet Selbstbestimmung?

Im zweiten Teil steht die Frage nach der Selbstbestimmung des Sterbens im Zentrum. Hierbei steht die Persönlichkeit des Patienten naturgemäß im Mittelpunkt. Angesichts der Tatsache, dass jeder Mensch anders, gewissermaßen auf persönliche Weise stirbt und sich dessen Einstellungen im Blick auf den letzten Schritt aus dem Leben immer wieder ändern können, kommt der Klärung der Wünsche des Sterbenden größte Bedeutung zu. Da sich diese aber nicht ein für alle Mal verbindlich festschreiben lassen, sondern sich immer wieder auch ändern können, wobei psychosoziale, kulturelle und spirituelle Aspekte eine Rolle spielen, wirbt der Autor für eine „Medizin des Zuhörens“. „Ohne Kommunikation keine Selbstbestimmung“, bringt es Borasio auf den Punkt, und spricht alle Betroffenen an. Vor allem in der Umsetzung einer Vorsorgevollmacht sowie einer Patientenverfügung komme einem ausführlichen Gespräch mit dem Arzt des Vertrauens (in der Regel der Hausarzt) große Bedeutung zu. Im Jahr 2012 gaben 42 %der über 60-Jährigen in Deutschland an, eine Patientenverfügung verfasst zu haben (vgl. S. 151). Die Grenzen dieses Instruments (Verfügbarkeit, Rechtssicherheit), die zunehmende Dringlichkeit einer – euphemistisch so genannten „gesundheitlichen Vorausplanung“ („Advance Care Planning“) –, bei der es darum geht, „eine professionelle Begleitung für die Planung der letzten Lebensphase anzubieten“ (S. 159), sowie ein kritischer Blick auf die Auswüchse und Fehlentwicklungen eines zunehmend kostenintensiven und nachweislich „mehrklassigen“ Gesundheitssystems runden diesen faktenreichen und zugleich von großer Empathie gekennzeichneten Band ab.

Borasio, Gian Domenico: Selbst bestimmt sterben. Was es bedeutet. Was uns daran hindert. Wie wir es erreichen können. München: C. H. Beck, 2014. 206 S., € 17,95 [D], 18,50 [A] ; ISBN 978-3-46-66862-3