Dass der Klimawandel – der Ökologe Wolfgang Sachs spricht präziser von Klimachaos – jene, die bereits jetzt zu den Benachteiligten gehören, die ärmeren Schichten in den Ländern des Südens, am stärksten trifft, ist mittlerweile in Studien, wie jener des Wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (www.wbgu.de/) zum Thema „Sicherheitsrisiko Klimawandel“, gut belegt. Die Folgen für die Welt werden jedoch noch zu wenig bedacht. Zu stark ist der Blick fixiert auf die lokalen Unwetterkatastrophen vor Ort, die Flüsse über die Ufer treten lassen oder Ernten zerstören, oder auf die ausbleibenden Schneefälle in den Alpen, die dem Wintertourismus zusetzen. Welche Ausmaße die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch eine globale Klimaerwärmung um zwei oder gar drei Grad Celsius in den ökologisch bereits jetzt sehr fragilen Zonen der Erde, etwa den ariden und semiariden Gebieten haben, wird noch verdrängt. Der Soziologe Harald Welzer schließt diese Wahrnehmungslücke, indem er den Klimawandel auch als „soziale Katastrophe“ deutet. Die Überschwemmungen von New Orleans haben nach Welzer zweierlei gezeigt: Die sozial ärmeren Bevölkerungsgruppen waren ungleich stärker betroffen als die besser Situierten und die Behörden keineswegs auf die Bewältigung der Katastrophe vorbereitet, was die Schäden weiter erhöhte. Dies gelte noch viel mehr für Umweltkatastrophen etwa im Afrika südlich der Sahara. Der Autor deutet sowohl den Völkermord in Ruanda als auch die Tragödie von Darfur im Kontext ökologischer Degradation. Es wäre zu einfach, diese Konflikte allein der Klimaerwärmung zuzuschreiben, der Verlust von Lebensraum durch Wüstenbildung oder der Ausfall von Ernten durch das Ausbleiben von Regenfällen trügen jedoch mit Sicherheit zur Verschärfung der Konflikte bei. Welzer ist überzeugt, dass die gegenwärtigen Ressourcenkriege etwa im Sudan nur Vorboten größerer Gewalteruptionen in den Ländern des Südens darstellen und das 21. Jahrhunderts erneut ein Jahrhundert der Kriege werden wird: „Der Blick auf den Sudan ist ein Blick in die Zukunft.“ (S. 25) Gewalt sei dabei kein Ausdruck von Chaos, sondern im Gegenteil der Versuch, wieder Ordnung herzustellen: „Es gibt eine kritische Untergrenze, von der an Überlebensinteressen nur noch mit Gewalt durchgesetzt werden können.“ (ebd.) Der Autor beschreibt nicht nur die mit Umweltdegradation eskalierenden Konflikte einschließlich der Abwehrreaktionen der Reichen, etwa durch „Sicherheitswälle“ gegen Umweltflüchtlinge (in den USA wie in Europa), sondern er macht auch verstehbar, warum Kollektive in Krisensituationen zu Gewalt tendieren. Als Soziologe zieht er dabei Parallelen zum Gewaltregime der Nationalsozialisten, die nur aufgrund in breiten Bevölkerungsschichten vorhandenen Existenzbzw. Abstiegsängsten zur Macht kommen konnten (ein früheres Forschungsprojekt des Autors war dem Holocaust gewidmet). Die historischen Vergleiche zum Faschismus wirken manches Mal etwas unvermittelt, und auch der Titel des Buches ist etwas verkürzend: es geht darin um viel mehr als um „Klimakriege“ – Welzer spricht von „globalisierten Klassen-, Überzeugungs- und Ressourcenkonflikten“, deren Zusammenwirken ein explosives Gemisch ergibt. Doch die Ausführungen machen deutlich, dass Kollektive in Krisensituationen zu Regression und Gewalt tendieren, was der Autor selbst für die gegenwärtigen Demokratien nicht ausschließt. Umweltdegradation ist somit nicht nur als ökologisches oder wirtschaftliches, sondern auch als sicherheitspolitisches Thema ernst zu nehmen. In der Katastrophenforschung wird von der schleichenden Verschiebung von Normen („shifting base lines“) gesprochen: bei steigendem ökonomischen oder sozialen Druck kommt es zum Abbau von Zivilisationsstandards, ohne dass nennenswerter Widerstand dagegen geleistet wird. Das 21. Jahrhundert sei in Ermangelung zukunftsfähiger Gesellschaftsmodelle, „utopiefern und ressourcennah – es wird getötet, weil die Täter jene Ressourcen beanspruchen, die die Opfer haben oder auch nur haben möchten“ (S. 276), so Welzer pointiert. Der gegenwärtige Prozess der Globalisierung könne daher auch beschrieben werden „als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens zurücklässt“ (S. 278). Keine guten Aussichten. Die Chance auf Umsteuerung sieht der Soziologe daher nur, wenn eine kollektiv getragene Kultur der Reduzierung des Ressourcenverbrauchs gelingt (s. Kasten). H. H.

 

Welzer, Harald: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt/M.: Fischer, 2008. 335 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 33,80 ISBN 978-3-10-089433-2