Das wohl beliebteste Thema zur Zeit - der Millennium-Bug - beschäftigt nach wie vor oder jetzt erst richtig die Gemüter und Autoren. Diesmal nicht als isoliertes Problem von eingegrenzten Programmzeilen, sondern als „Querweltein-Fehler“ in Verbindung mit lebenswichtigen Infrastrukturen. Für die gegenwärtigen Wissensgesellschaft, hier als „turing-Gesellschaft“ bezeichnet, stellt das Y2K-Problem die erste gravierende Herausforderung dar.

Grundtenor ist wie bei anderen Y2K-Büchern die ungeheure Tragweite des Themas. Es geht den Autoren, einem Soziologen, zwei engagierten Computer-Experten und einem Rechtsanwalt (in beratender Funktion) nicht nur darum, die Leser dazu anzuregen, Vorsorgemaßnahmen zu treffen, sondern auch um die Bereitstellung rechtlicher Grundinformationen und die Bewußtmachung der gesellschaftlichen Dimensionen (dem politischen Umgang) mit dem Jahr-2000-Chaos. Gerne bedient man sich des Vergleichs mit der Titanic und deren schlagartig sich entwickelnden Probleme. Eine dramaturgische Besonderheit ist nunmehr aber die „radikal vergesellschaftete Individualisierung“: Das Y2K-Problem betrifft uns alle auf prinzipiell gleiche Weise, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß, und wir alle müssen auf jeweils unterschiedliche Weise die passende Lösung finden.

Zum Zwecke der gezielten und effektiven Vorsorge findet der Leser in Folge zahlreiche Praxistips. In ihren „Rundgängen durch technische Systeme der Moderne“ werden Domizile, Infrastrukturen (z. B. Trinkwasser, Stromversorgung), Medien und Telekommunikation, Verkehrssysteme und Versorgungsbereiche sowie Banken detailliert behandelt. Am Beispiel eines millenniumsbedingten Heizungsversagens wird empfohlen, nicht mehr genutzte Formen der Beheizung (Kachelöfen, Koksbrenner) zu überprüfen und für den Notfall funktionsfähig zu machen. Als Bankkunde sollte man von den Kontobewegungen ausgedruckte Aufzeichnungen sammeln. In einem eigenen Abschnitt wird die rechtliche Problematik des Themas angesprochen. In den USA hat bekanntlich Präsident Clinton noch im Juli d. J. die Gewährleistungspflicht der Firmen per Gesetz für die ersten drei Monate 2000 ausgesetzt.

Als wichtigste organisatorische Gestaltungsaufgabe des öffentlichen Sektors erscheint den Autoren die „Koordination der Koordination“ mittels eigens für diesen Zweck geschaffener Organisationen (etwa der „Jahr-2000-Stab“ im Weißen Haus). Hierzulande ist man hingegen auf die Krise möglichst unverbindlich eingestellt und kann nur auf die „zweitbeste Lösung“ zurückgreifen, nämlich die Verbreitung von Information bzw. Wissen. Kampagnen dieser Art sind zumindest in Österreich von der Bundesregierung geplant. Man ist sich aber, sechs Monate vor dem Crash noch nicht sicher, welche Werbefirma damit beauftragt werden soll. Die „drittbeste Lösung“ freilich gehört zum Problem selbst und nicht zu dessen Beseitigung: Es ist die Hoffnung auf möglichst geringe Y2K-Defekte. Zumindest einige wenige Monate noch dürfen wir unsere Zuversicht pflegen, doch dann werden wir endlich Gewißheit über das wahre Ausmaß des Chaos haben.

A. A.

Müller, Karl H.; Purgathofer, Peter ; Vymazal, Rudolf: Chaos 2000. Das globale Zeitbeben. Wien: Döcker-Verl., 1999. 206 S., DM 34,- / sFr 31,50 / öS 248,-