Globalisierung, Wertepluralismus und virtuelle Realitäten tragen wesentlich zur Unüberschaubarkeit der postmodernen Gesellschaft bei. Die Zeiten sind endgültig vorbei, in denen sich die Menschen an klaren und überschaubaren Strukturen orientieren konnten. Die ob dieser Entwicklung wiederum aktuelle Frage nach dem Sinn des Lebens ist für den Medienexperten und Philosophen Norbert Bolz eine Flucht aus der Realität. denn es gehe heute gerade darum, die Weltgesellschaft in ihrer Komplexität durch eine "Konstruktion des Erträglichen" zu verteidigen. Zunächst zeigt der Autor, wie sich unsere Gesellschaft in der "Sinnlosigkeit" der Gegenwart stabilisiert und gleichzeitig eine Gegenwelt des Sinns entworfen hat. Gegenüberdiesen neuen Sinnstiftungstendenzen und Heilsversprechen gibt sich Bolz äußerst skeptisch. Schonungslos entlarvt er die Kritiker der Postmoderne als feige bzw. denkfaul gegenüber einer Gesellschaft, die sich immer schwerer auf Formeln bringen läßt. Der Umgang mit Zukunft wird seiner Ansicht nach zu sehr auf die Angstrhetorik der Warner und Mahner (Ökoaktivisten nennt Bolz "Kreuzritter der heilen Welt") reduziert und mit dem Werkzeug der Statistik erklärt. Dadurch werde Komplexität entorganisiert und Interdependenzen neutralisiert. "In der Frage nach der Zukunft zeigt sich unsere riskante Welt von sich selbst fasziniert." Im Markenkult als Schauplatz des Sinns, oder dem Sport, wo Sieger noch offen über Verlierer triumphieren dürfen, sieht der Trendphilosoph kleine Fluchten vor einer Welt, die uns überfordert. Die Flucht vor der Realität oder deren Negation löst aber für Bolz die Sinnfrage keinesfalls. Sie zu stellen sei, im Übrigen jenen vorbehalten, die über "Wohlstand und Eigenzeit" verfügen, denn jene, die "im Handgemenge mit der Welt" liegen, wollen nicht "erlöst" werden, sondern haben "zu tun". Er fordert daher, sich dieser Welt zu stellen, sie anzunehmen und nach brauchbaren Hilfsmitteln zu suchen, um in ihr leben zu lernen. Eine besondere Aufgabe mißt Bolz in diesem Zusammenhang auch der Kultur bei. die "das Heilmittel, die Medizin für den Streß und die Zumutungen der moderneren Gesellschaft" sei. Von Vorteil sei eine Art "Benutzeroberfläche" - für den Autor erfüllt Design genau diesen Zweck - zum besseren Verständnis der komplexen Weltgesellschaft und eine konkretere Formulierung der Sinnfrage: " Was tun mit der Freiheit, der arbeitsfreien Zeit?" A. A.

Bolz, Norbert: Die Sinngesellschaft. Düsseldorf: Econ, 1997. 256S., DM 58,- / sFr 52,50/ öS 423