Erstmals in deutscher Sprache liegt nun die Darstellung der »neuen- Biologie - der Biologie lebender Systeme vom Einzeller bis zur menschlichen Gesellschaft der beiden chilenischen Autoren vor. Sie präsentieren in allgemein verständlicher Form ihr Systembild der elementaren Lebensvorgänge. Es geht dabei um die Beschreibung der Prozesse, wie wir zu Wissen bzw. Erkenntnis gelangen. Als Grundlage aller Lebensvorgänge werden Kooperation und Toleranz im Gegensatz zu Darwins Vorstellungen von Konkurrenz (»Gesetz des Dschungels«) als Evolutionsprinzip beschrieben. Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt, die wir im Prozess des Erkennens gemeinsam erschaffen. Es liegt an uns, ob wir die in unserem biologischen Erbe angelegten Gesetze des Lebens erkennen und danach handeln oder ob wir sie verkennen und die Grundlagen unseres Lebens und unserer Menschlichkeit damit zerstören. Maturana und Varela führen dem Leser die Umrisse eines einheitlichen naturwissenschaftlichen Erklärungsmodells von Geist, Materie und Leben vor. Wenn also im Sinne dieses ganzheitlichen Evolutionsmodells die Grunderfordernisse des Lebens erfüllt sind, haben alle lebendigen »Systeme« gänzliche Freiheit, sich ihre Welt selbst zu schaffen. Die faszinierende Vorstellung, dass Lebewesen nicht sklavenhaft dem Anpassungsdruck einer harten äußeren Wirklichkeit folgen, wird jeden in seinen Bann ziehen.

Maturana, Humberto R.; Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis. Wie wir die Welt durch unsere Wahrnehmung erschaffen - die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bern (u.a.): Scherz, 1987. 280 S.