Schopenhauer beschreibt den Unterschied zwischen Vernunft und Verstand etwa folgendermaßen: Ein Mann, der erkennt, dass sich ein Ziegel über ihm vom Dache löst, übt seinen Verstand, tritt er zur Seite, seine Vernunft. Es eignet dem Pubertären, scharf zu erkennen, ohne zu handeln. Das sind Erkenntnisse von großer Wichtigkeit, wenn man bedenkt, was uns an technischen Problemen und Umweltschäden "auf den Kopf zu fallen" droht. Die Einsicht in die Notwendigkeit des Handelns ist auch für Preuss eine Funktion der Vernunft. Er definiert sie als geistige Fähigkeit des Menschen, sich mit den immateriellen Phänomen der Geschichte, der sozialen Strukturen und den Mechanismen des Zusammenlebens und Denkens auseinanderzusetzen. Dieser Vernunft setzt der Autor den Verstand und das Verstandeswissen gegenüber. Sie decken die Bereiche der materiellen und messbaren Welt ab. Um zu diesem Begriffspaar zu gelangen, geht Preuss von der Entstehung des Geistes und der Materie aus. Preuss diagnostiziert, dass zwar (seit der Aufklärung) das Primat des materiellen Verstandeswissen herrscht, dass aber jene Gruppe von Menschen im Aufbau begriffen ist, die Vernunft in seinem Sinne erkennen und sich ihrer zu bedienen wissen. 

Preuss, Fritz: Der Aufbau der Vernunft. Eine biologisch-philosophische Denkanleitung zur Mehrheitsfähigkeit der Vernunft. Berlin (u.a.): Parey, 1989. 155 S., DM 28,- / sFr 23,70 / öS 218,40