Das Kapital des Staates

Durchaus der Mainstream-Ökonomie zuzurechnen ist die britische Professorin für Technologiepolitik der Universität Sussex Mariana Mazzucato, die dennoch einen neuen Blickwinkel in die Debatte einbringt. An zahlreichen Befunden legt die Autorin in „Das Kapital des Staates“ ihre These dar, dass die wichtigsten Anstöße für technische Innovationen nicht von Unternehmen, sondern von den Staaten kommen. Ob im Bereich des Internet, der Pharmabranche oder der Biotechnologien, es seien staatliche Investitionen, die zu neuen Durchbrüchen führen. Das sogenannte „Risikokapital“ der Wirtschaft springe in der Regel erst auf, wenn hohe und vor allem rasche Gewinne lockten, sei jedoch nicht immer risikobereit, was technologische Durchbrüche erschwere, so die Autorin.

Die großen Konzerne, die mit neuen Technologien immense Gewinne machen, stünden damit in der Schuld der Staaten, die sie in adäquater Form zurückzahlen müssten. Mazzucato hat, ausgehend von der Verknüpfung von Risiko und Gewinn, ein Modell über den Zusammenhang von Innovationen und Ungleichheit entwickelt. Ihr Befund: Nur dort, wo der Staat die entsprechende Rendite für seine Investitionen bekomme, etwa in skandinavischen Ländern, gelinge eine ausgewogene Wohlstandsverteilung. Drei Formen des Rückflusses an Mitteln aus Investitionen des Staates sind für die Ökonomin denkbar: 1) nationale Innovationsfonds, die aus Tantiemen von Erfindungen finanziert werden und neue Investitionen ermöglichen; 2) direkte staatliche Beteiligung an Unternehmen, wie dies Finnland etwa bei Nokia gemacht hat; 3) schließlich sind Investitionsbanken nach dem Beispiel Chinas oder Brasiliens denkbar, die Investitionen finanzieren und Renditen lukrieren.

Innovationen für grüne Technologien

Ausführlich beschreibt Mazzucato, die die Europäische Kommission zu Fragen wirtschaftlichen Wachstums berät und im Vorstand des renommierten britischen Umwelt-Think-Tank  Green Alliance tätig ist, auch den notwendigen und noch immer am Anfang stehenden Wandel hin zu grünen Technologien. Wie andere auch lobt die Autorin die Vorreiterrolle Deutschlands, aber auch jene von China – für ihr eigenes Land sieht sie großen Nachholbedarf. Mazzucato plädiert für eine abgestimmte internationale Kooperation der Staaten, um die Transformation anzustoßen: „Eine der größten zukünftigen Herausforderungen bei sauberen Technologien wird es sein, dafür zu sorgen, dass wir durch den Aufbau kooperativer Ökosysteme nicht nur die Risiken auf alle verteilen, sondern auch die Gewinne.“ (S. 200). Die Konkurrenz deutscher, US-amerikanischer und chinesischer Solarunternehmen sieht sie dabei als normalen Prozess im Rahmen von Marktwirtschaften. Aufgabe der Staaten sei es jedoch, die entsprechenden Marktsignale für die Umsteuerung zu setzen. Und hier schließt die Autorin den Kreis zum oben Gesagten: „Hätte der Staat nur 1 Prozent Rendite auf seine Investitionen ins Internet bekommen, könnte er heute mehr in grüne Technologien investieren.“ (S. 238)

Hans Holzinger.

Mazzucato, Mariana: Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum. München: Kunstmann, 2014. 303 S. 22,95 [D], 23,50 [A], sFr 35,- ISBN 978-3-95614-000-6

ZITIEERT

„Privatunternehmen scheuen vor radikal neuen Produkten und Verfahren zurück und überlassen das Feld erst einmal dem Staat.“ (M. Mazzucato, Nr. xy. S. 94)

„Um die grüne Revolution zu starten und gegen den Klimawandel anzugehen, brauchen wir wieder einen aktiven Staat, der die hohe Unsicherheit der Anfangsphase aufnimmt, wovor die Privatwirtschaft zurückschreckt.“

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