Richard Cohen, über viele Jahre bei amerikanischen Verlagen engagiert und, nebenbei bemerkt, mehrfacher britischer Fechtmeister, hatte sich vorgenommen, erfahrene Kollegen für ein Mammutprojekt zu gewinnen. Nicht weniger als eine enzyklopädische Darstellung der Sonne hatte er im Sinn. Doch nachdem er – dem Himmel sei dank – niemand für dieses Abenteuer gewinnen konnte, hat er sich selbst auf den Weg gemacht: Acht Jahre lang hat Cohen recherchiert, 18 Länder hat er bereist, um ein einzigartiges, faszinierendes Porträt jenes Sternes vorzulegen, dem wir buchstäblich alles zu verdanken haben, und zu dem wir doch nach und nach alle Beziehungen verloren zu haben scheinen.  Dass er, mit stupender Sachkenntnis und literarischer Begabung gleichermaßen ausgestattet, sich daran gemacht hat, die Geschichte der Sonne in all ihren uns teils selbstverständlichen, teils aber auch überraschend neuen Zusammenhängen zu erzählen, darf als Glücksfall intellektueller und kreativer Besessenheit bezeichnet werden.

 

 

 

Die Vielfalt solarer Begeisterung

 

In insgesamt sechs Abschnitten und nicht weniger als 32 Kapiteln spannt Richard Cohen den unermesslichen Bogen seiner „solaren Begeisterung“: Einbegleitet von dem Erlebnis eines Sonnenaufgangs auf Japans heiligem Fujiama, skizziert der Autor zunächst „vorgeschichtliche Betrachtungen der Sonne“. Er unterbreitet dabei die Vielfalt solarer Kulturen, erläutert Hintergründe um die faszinierende Vielfalt der Feiern von Jahreszeiten oder nimmt einige der weltweit bis zu 3000 architektonischen Zeugen der Sonnenverehrung ebenso in den Blick wie die Schrecken des Himmels (Sonnen- oder Mondfinsternisse).

 

Teil 2, „Die Entdeckung der Sonne“, widmet sich der Erforschung unseres Zentralgestirns von den ersten Astronomen über die ganz unterschiedlichen Zugänge der Himmelserkundung im Griechenland des Altertums, in China, im Islam oder in Europa vom Beginn der Neuzeit bis zur „Entthronung der Sonne“ in Folge der Atomspaltung (mit der bekanntlich eine neue Ära ihren Anfang nahm).

 

Fragen nach dem Wesen und Wirken des Sonnenlichts erörtert Cohen im nachfolgenden, dritten Abschnitt, „Die Sonne auf Erden“ betitelt. Erörtert werden etwa das das Phänomen der Sonnenflecken, die schon Mark Twain auf kuriose Weise beschäftigten – vielleicht lassen sich mit ihnen sogar gute Geschäfte machen? –, und selbstverständlich geht es um die Eigenschaften des Lichts; aber auch so wichtige Dinge wie die Tönung der Haut, die Bedeutung vornehmer Blässe bzw. eines mit Ausdauer gepflegten bronzenen Teints oder die toxische Wirkung gesteigerter UV-Strahlung, das Phänomen der Photosynthese oder die unerforschten Weiten des weitgehend lichtlosen Raums – noch heute sind 95 Prozent unserer Meere unerforscht – finden das Interesse des Autors und ziehen den Leser in ihren Bann.

 

Um die „dienstbar gemachte Sonne“ geht es in Abschnitt vier: Von unserem Zentralgestirn als Wegweiser, von Kalendern und Sonnenuhren, vom unergründlichen Wesen der Zeit oder von den zahllosen Versuchen, das Licht zu bündeln und für vielerlei Zwecke dienstbar zu machen, weiß Cohen lehrreich, doch niemals belehrend zu erzählen. Mehr als hundert Seiten widmet der Autor zudem Persönlichkeiten und Kulturen, die sich in besonderer Weise von der Sonne inspiriert zeig(t)en. Er erzählt von dem Brauch indischer Frauen, sich, im Wasser stehend, der Sonne zuzuwenden, um den Wunsch baldiger Schwangerschaft zu erfüllen. Kenntnisreich schreibt er über das Sichtbarmachen des Lichts in der Malerei, widmet sich  Persönlichkeiten wie Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, den Pionieren der Fotografie, der Sonnenarchitektur, der Bedeutung der Sonne in der Musik, im Tanz und in der Literatur. Dass bei all dem der Zusammenhang von Sonnensymbolik und Herrschaft nicht ausgespart wird, versteht sich von selbst und wird mit zahlreichen Beispielen belegt (wobei hier das Spektrum vom sonnengeschmückten Portal von „Downing Street 10“, über Chaplins „Großen Diktator“ und die Mao-Bibel bis zu Benedikt XVI. reicht, der schon in seiner Funktion als Präfekt der rechten Lehre über die Verbreitung von Sonnenmetaphern im Christentum nachgedacht und publiziert hatte).

 

Von der Zukunft der Sonne, ihrer kaum erst begonnen Erkundung „jenseits des Horizonts“ (als Objekt der Weltraumforschung), ihrer Rolle als zentrale Akteurin des unablässig erörterten Phänomens „Wetter“ oder als Thema der Science-Fiction ist ebenso zu lesen wie über mehr oder minder plausible Mutmaßungen über ihren Tod, der, so die wissenschaftlich fundierte Annahme in etwa 5,7 Milliarden Jahren zu erwarten ist. Mit einem Epilog, über einen Sonnenuntergang am Ufer des Ganges, schließt das außergewöhnliche Projekt. Dieses Buch ist seinem Thema ebenbürtig: kolossal, faszinierend, Seite für Seite eine Entdeckung und garantiert von nachhaltiger Wirkung. W. Sp.

 

 

 

Cohen, Richard: Die Sonne. Der Stern um den sich alles dreht. Aus dem Englischen von Claudia Preuschoft. Zürich (u. a.): Arche Verl., 2012. 672 S.,€ 39,95 [D],

 

41,20 [A], sFr 53,90 ; ISBN 978-3-7160-2618-2