Welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind biologisch vorgegeben? Und welche Unterschiede erlernen wir? Die Antworten auf diese beiden Fragen beschäftigen sehr verschiedene Zweige der Wissenschaft. Schien es lange Zeit so, als würde die biologische Erklärung sozialer Verhaltensmuster zurückgedrängt, so ist seit etlichen Jahren eine Gegenbewegung spürbar. Im Rahmen der Hirnforschung sind Studien erschienen, die Zusammenhänge zwischen biologischen Mechanismen bei Embryos im Mutterleib verantwortlich machen, wie Männer und Frauen ticken.

 

Cordelia Fine hat sich in ihrem Buch „Delusions of Gender“ dieser neuen Argumentation zugewandt. Sie hat fein säuberlich die entsprechenden Studien gelesen und sich ihren Reim darauf gemacht. Um es vorweg zu nehmen: Fine findet viele Argumente, warum die neue Welle der biologischen Argumentation der Geschlechterunterschiede wenig ergiebig ist.

 

Die Autorin sieht sich vor allem die Thesen an, die Professor Simon Baron-Cohen vorgelegt hat. Dieser hatte argumentiert, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Fähigkeiten zu Empathie bzw. zu Systematisierungen einerseits und den verschiedenen Niveaus des Testosterons, dem der Embryo im Mutterleib ausgesetzt war. In der achten bis zur 16. Woche der Schwangerschaft ist der Testosteronausstoß für die Herausbildung der männlichen Geschlechtsmerkmale verantwortlich. Gleichzeitig, so die Theorie, führt dieser Testosteronausstoß dazu, dass weniger Zellen in den Kommunikationsbereichen des Hirns produziert werden. Folglich wird eine unterschiedliche Entwicklung der Geschlechter je nach Testosteronmenge postuliert, Frauen haben einen Vorsprung bei der Entwicklung der zum Beispiel für Kommunikation zuständigen linken Hirnhälfte, Männer hätten dafür mehr Potenzial, ihre rechte (u. a. für mathematisches Talent zuständige) Hirnhälfte zu vergrößern. Da die Testosteronausschüttung mit dem Geschlecht stark korreliert, sei auch soziales Verhalten aus dieser biologischen Voraussetzung zu erklären. Männer sind eher fähig zu systematisieren, Frauen haben eher ausgeprägtere emphatische Fähigkeiten. Könnte die Hirnforschung somit herausgefunden haben, warum nie eine Frau die Fields-Medaille für herausragende mathematische Entdeckungen erhalten hat?

 

 

 

Vom Ziel der Gleichberechtigung?

 

Jedem ist klar, welche Konsequenzen für unsere Gesellschaften es hätte, sollten wir Konsens erlangen, dass diese Theorie richtig ist. Dann wären bestimmte Vorstellungen von Chancengleichheit utopisch und bestimmte Ziele der Gleichbehandlung nicht sinnvoll.

 

Fine hat sich die Argumente aber genau angesehen und ihr Buch ist voll mit Hinweisen, warum den neuen Theorien nicht getraut werden sollte. Nehmen wir die ausgezeichneten Mathematiker, die als Hinweis für biologische Determiniertheit angeführt wurden. Welche Fähigkeiten sind es eigentlich, die jemanden zu mathematischen Höchstleistungen bringen: Albert Einstein beschrieb seinen Durchbruch nicht als das Ergebnis eines logischen Weges, sondern als Ergebnis von „intuition, supported by being sympathetically in touch with experience“. Wären diese Eigenschaften in der Theorie nicht eher Frauen zuzuschreiben? (S. 109) Die Autorin hat sich aber auch die Studien genauer angesehen, mit denen die neue biologische Begründung belegt wurde. Dabei stieß sie auf folgende Ergebnisse: War ein Kind als Embryo einer hohen Testosteronmenge ausgesetzt, hat es dann weniger Augenkontakt mit der Mutter, wenn es im Alter von 12 Monaten mit ihr spielt? Sie ahnen, was laut der Theorie zu erwarten wäre: Mehr Testosteron, eingeschränkte Entwicklung des Kommunikationszentrums des Hirns, wahrscheinlich ein Bub: Also weniger Augenkontakt. Das Ergebnis war aber ernüchternd: Nein, es gab keinen Unterschied. War ein solcher in Testosteron gebadeter Embryo vielleicht weniger emphatisch als Kind? Auch nicht, wenn man mit den jeweiligen Müttern einen Empathie-Quotienten erhebt.

 

Hier sei exemplarisch noch eine Studie angeführt, die Fine zerpflückt. 13 Monate alten Kindern wurde Spielzeug angeboten. Buben spielten unter anderem mehr mit einem Anhänger mit Autos, Plastikbausteinen und einer Müllabfuhr. Mädchen spielten mehr mit einem Teegeschirr, Puppen, Babyflasche und einer Wiege. Auf den ersten Blick scheint es der Theorie der Hirnforschung nicht zu widersprechen. Buben griffen eher zu Spielzeug, bei dem es um systematisierendes Spielen, Mädchen zu Spielzeug, bei dem es um soziale Rollenspiele ging. Das Problem freilich: Es gab auch Spielzeug, das von beiden Gruppen gleich stark genutzt wurde. Und dazu gehörte der Plastikhund, das Puzzle und die Ringpyramide. Wenn man ehrlich ist: Bei keinem Spielzeug geht es wohl mehr um systematisieren als bei Puzzles und Ringpyramiden.

 

Nach der Lektüre von Cordelia Fines Buch ist man überzeugt: Nein, es gibt keine ausreichenden Beweise dafür, dass Unterschiede im Verhalten von Frauen und Männern biologisch erklärt werden können. Das Ziel der Gleichberechtigung macht also weiterhin Sinn.

 

 

 

Alle Argumente führte Fine viel sauberer aus, als es der Raum dieser Rezension zulässt. In Wirklichkeit kann man nämlich gar nicht exakt bestimmen, wie stark die Testosteronbildung bei Embryos war. Beim Spielzeug war der Zusammenhang zu Buben bzw. Mädchen gegeben, aber keine Korrelation zu den Testosteronniveaus.

 

Cordelia Fine hat eine Ph.D. in Neuroscience vom University College London. Sie arbeitet als Forscherin an der Macquarie Universtität in Australien und ist Honorary Research Fellow für Psychologie an der Universität Melbourne. Ihre Art zu schreiben ist fesselnd, ihre Sprache klar und systematisch und ihr Stil vielleicht sogar aggressiv. Was würden Hirnforscher zu diesem Buch und ihrer Autorin sagen? S. W.

 

Fine, Cordelia: Delusions of Gender. The Real Science Behind Sex Differences. London: Icon Books, 2010. 327 S., 14,99 Pfund (UK), € 17,70 [A]

 

ISBN 978-184831-163-3