Zuerst überzeugten wir Menschen uns, dass die Anzahl der Götter übertrieben erscheint und wandten uns dem etwas abstrakteren Monotheismus zu. Dann schien uns der Einfluss des einzigen Gottes auf alltägliche Geschehnisse doch überschätzt, und man machte Platz für wissenschaftliche Erklärungen. Schließlich landete man bei der Frage, wozu man „Gott“ dann noch braucht, seine verbleibenden Zuständigkeiten (Beginn des Universums und ähnliches) schienen mit und ohne ihn gleichermaßen kompliziert zu verstehen. Unterwegs hatten wir die Naturwissenschaften betrieben, die Wunder der Natur wurden zu einem übersichtlichen Teil erklärt. Die Art und Weise des Verstehens legte uns aber nahe, dass auch die verbleibenden Weiten der Natur nicht auf immer unerklärbar sein werden. Dann stellten wir fest, dass der preußische Staat doch nicht das Endziel der Geschichte war und erkennen in immer kürzeren Abständen, dass der Respekt für Autoritäten vor wenigen dutzend Jahren für uns heute kaum noch nachvollziehbar ist. Wir historisieren unser Verhalten, unser Denken. Schließlich gehen wir uns als Individuen an den Kragen, im dem Sinne, dass wir heute weniger unsere eigene Genialität preisen, als vielmehr drüber rätseln, ob eine Idee nun besser von Hirnforschern biologisch zu erklären ist, oder von Gesellschaftswissenschaftern sozial (vgl dazu die Rezension des Buchs von Cordelia Fine in dieser ProZukunft). Es gibt nicht viel auf dieser Welt, woran man sich halten kann, sang jüngst ein Düsseldorfer Philosoph.

 

Natürlich führt dies zu Unbehagen, zur Suche nach etwas Neuem. Besteht sonst nicht die Gefahr des Nihilismus, des Sinnverlusts und wenn es keine Klarheit gibt, des Kampfs der Kulturen? Besorgt wird der „Materialismus“ und Konsumismus der Gegenwart beklagt, wo Werte nicht mehr zu sein scheinen als Preisauszeichnungen bei H&M. Wenn Werte nur mehr in Geld ausgedrückt werden, so erklärt sich das Versagen der „Wirtschaftskapitäne“ in der aktuellen Finanzkrise, die steigende Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen und vieles mehr. Alle Leidenschaften und alle Tätigkeiten verschmelzen mit der Habsucht. Das Haben verzehrt das Sein des Menschen.

 

In seinem neuen Buch geht Eberhard Straub davon aus, dass diese gesellschaftliche Dynamik, die alles in Frage zu stellen scheint, die Nachfrage nach jenen Werten stimuliert, die die Gesellschaft zusammenhalten sollen. Straub warnt davor, in Werten eine Lösung zu sehen. Straub argumentiert, dass Werte keineswegs in Stein gemeißelt sind. „Sie gewinnen erst an Bedeutung oder an Macht, wenn sie geltend gemacht werden von Wertsetzern, die sie durchsetzen wollen. Hinter jedem so genannten Wert steht ein Interessent mit seinen eigenwilligen Absichten und Zwecken.“ (S. 14) Außerdem schließe jede Behauptung eines Wertes unvermeidlich – wie auf einem Markt – die Negation anderer Werte als minderwertig oder wertlos ein. Werte seien deshalb kämpferische Begriffe, weil deren Vertreter im Pluralismus der Meinungen und Möglichkeiten Nachteile für sich fürchten, sofern es ihnen nicht gelingt, die Ansprüche anderer Wertverfechter abzuwehren. Man bedenke die Frage, ob es ein chinesisches Wertesystem gibt und ob es für Europa nützlich wäre, wenn dieses sich weltweit durchsetzt. Wenn Ihre Antworten Ja beziehungsweise Nein lauten, stimmen Sie mit Straub überein.

 

 

 

Sind Werte verhandelbar?

 

Nun ist es für den Autor nicht das Hauptproblem, dass Werte sich als zeitlos und unabhängig von den Interessen seiner Vertreterinnen und Vertreter präsentieren. Er wird aber ausgesprochen hellhörig, wenn er die Argumente durchsieht, die vorgebracht werden, dass die Rechtsordnung eines Staates zu einer Werteordnung „entwickelt“ werden solle. Wenn die Werte wie am Markt verhandelt werden, was wäre an Stabilität gewonnen, wenn sich Verfassungen der Staaten der Welt Wertgrundlagen geben? Auch die Nazis konnten nicht durch die Anrufung von Werten gestoppt werden.

 

Straubs Hauptsorge betrifft hingegen die Frage, welche Folgen es hätte, wenn wir unsere Verfassung auf eine Wertgrundlage stellen würden. Wenn die Verfassung die Handlungsgrundlage des Staates darstellt, so hätte dies zur Folge, dass kein Anspruch auf politische Freiheit mehr für diejenigen bestünde, die außerhalb dieser Wertgrundlage durch die Organe des Staates verortet würden.

 

Straub beobachtet historische Beispiele, wo Staaten auf einer Wertgrundlage begründet wurden, und registriert, dass stets viel Energie darauf verwendet wurde, das Denken der Menschen nicht abweichen zu lassen. Er beobachtet: „Die Schwäche der moralischen Entrüstung liegt nicht darin, dass sie wankt, sobald ureigenste Interessen auf dem Spiel stehen. Das Fatale an ihr ist, dass sie den Hass zum Geschwister hat und braucht.“ (S. 116)

 

Eberhard Straub, geboren 1940, ist habilitierter Historiker und schrieb unter anderem im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In seinem Buch verteidigt er die verfassungsmäßige Garantie von Freiheiten. Diese Freiheitsrechte wiederum dürften selbst nicht in Werte umgedeutet werden: „Wäre die Freiheit ein Wert, dann könnten die Wertefühlenden und Wertschauenden in Anlehnung an das von ihnen entworfene Wertsystem in Versuchung geraten, den Staat aufzufordern, den Bürger dazu anzuhalten, in ihrem Sinne `wertvoll´ zu leben. Die Gefahr droht gar nicht so sehr vom Staat, sondern von Gruppen in der Gesellschaft, die über Parteien und Verbände die staatlichen Einrichtungen für ihre Interessen und Verwertungsabsichten einsetzen möchten.“ (S. 135) Es müssen für Straub immer die Freien sein, die ihre Freiheitsrechte mit Inhalt füllen.

 

Angesichts der Konjunktur von Versuchen, staatliches Handeln moralisch aufzuladen, hat Straub aber die Sorge, dass die Popularität der Werte etwas Schlechtes über unsere Fähigkeiten aussagt, unsere täglichen Probleme zu lösen. „Die Menschen des demokratischen Zeitalters lieben die Allgemeinbegriffe, weil sie dadurch der Versenkung in die Einzelfälle enthoben sind (…)“, zitiert er Alexis de Tocquille. Er formuliert drastisch: „Der Rechtsstaat droht zu einem historischen Begriff zu werden, den die Wertegemeinschaft überholt hat.“ (S. 17)

 

 

 

Passion of the Western Mind

 

Wenn man Straub liest, lohnt sich auch ein Blick in die 2010 erschienene Neuauflage von Richard Tarnas´ „The Passion of the Western Mind“. Das Buch liefert eine fulminante Ideengeschichte des westlichen Denkens von den griechischen Philosophen bis zur Gegenwart.  Tarnas blickt auf die Geschichte des modernen Denkens und erkennt: „the ineluctable consequences of modern mind´s disenchantment of the world, (...) the yawning void of relativism left by modernity´s dissolution of traditional world views (,...) that modern reason, in which the Enlightment had placed all its hopes for human freedom and progress, yet which could not on its own terms justify universal values to guide human life, that in fact created an iron age of bureaucratic rationality that permeated every aspect of modern existence.” Dann zitiert er Max Weber: “No one knows who will live in this cage in the future, or wheather at the end of this tremendous development entirely new prophets will arise, or there will be a great rebirth of old ideas and ideals, or if neither, mechanized petrification, embellished with a sort of convulsive self-importance.”(Tarnas S. 412) Wenn Straub vor diese Wahl gestellt wird, würde er letzteres für die geringere Bedrohung halten. S. W.

 

Tarnas, Richard: The Passion on The Western Mind. 10. Aufl. London: Pimlico, 2010. 14,99 Pfund (UK), € 17,53 [A] ; ISBN 978-1-845-951627

 

Straub, Eberhard: Zur Tyrannei der Werte. Stuttgart: Klett-Cotta, 2010. 172 S., € 17,95 [D],

 

18,50 [A], sFr 31,40 ; ISBN 978-3-608-94615-4