Das Wissen der Welt wächst explosionsartig. In diesem Zusammenhang stellt sich u. a. auch die Frage ist, ob der Zugang zu wichtigen, nützlichen bzw. neuen Erkenntnissen überhaupt unbeschränkt möglich ist. Und steht nicht der freie Zugang zu Wissen im Widerspruch zu Praktiken des Warentausches und der Preisbildung? Physik-Nobelpreisträger (1998) Robert B. Laughlin warnt vor einem neuen dunklen Zeitalter der Desinformation und Ignoranz, denn in der so genannten Wissensgesellschaft wird seiner Ansicht nach der Zugang zu Informationen versperrt und Erkenntnisse aus wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen für illegal erklärt.

 

Das Bemühen von Staaten, Unternehmen und Individuen Andere daran zu hindern, bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen, die sie selbst wissen, hat zu einer erstaunlichen Ausweitung des Schutzes geistigen Eigentums im Urheberrecht, aber auch zu einer erheblichen Ausweitung staatlicher Geheimhaltung geführt. „Weite Bereiche der Naturwissenschaften, vor allem der Physik und der Biologie, sind inzwischen für den öffentlichen Diskurs gesperrt, weil daraus angeblich Gefahren für die nationale Sicherheit erwachsen.“ Laughlin nennt einige Beispiele, was alles durch Patentansprüche geschützt wird: Personaleinstellungs-Strategien, Immobilienverkaufstechniken, das Auffinden chemischer Korrelationen im Körper oder die Entdeckung von Genen. Die University of California und eine Firma namens Eolas erstritten etwa vor kurzem ein Urteil über 521 Millionen Dollar gegen Microsoft wegen der angeblichen Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Internetbrowser-Protokollen. Die Firma Research In Motion, Eigentümer der beliebten Blackberry Wireless Services, zahlte im Rahmen eines Vergleichs 450 Millionen Dollar wegen der Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Protokollen für die drahtlose Datenübertragung. Das City of Hope Medical Center erwirkte ein Urteil über 500 Millionen Dollar gegen die Firma Genentech wegen der Missachtung von Lizenzverpflichtungen aus der Nutzung eines für die DNA-Rekombinierung wesentlichen Patents. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Inzwischen werden auch einzelne Personen mit solchen Urheberrechtsverletzungen konfrontiert. Avery Lee musste den Vertrieb seines Open-Source-Video-Code VirtualDub einstellen, weil Microsoft behauptete, dessen Kompatibilität zu den eigenen Packaging-Protokollen stelle eine Verletzung von Microsoft-Patenten dar.

 

Andererseits kann die Beschränkung des Zugangs zu Informationen oder Strafandrohungen, wie am Beispiel der Atomenergietechnologie zu sehen ist, die Ausbreitung dieses Wissens nicht verhindern (siehe Pakistan und Nordkorea). Für Laughlin ist die Abschottung von Wissen in der Atomenergie aber auch ein Beleg für den Wunsch, Wissen aus ökonomischem Interesse zu kontrollieren. Im Wirtschaftsleben zähle weniger Fleiß, harte Arbeit und Aufrichtigkeit, sondern vielmehr meisterhaftes Schwindeln, so der Nobelpreisträger. „Wer sich weigert, bei diesem Spiel mitzumachen, weil es unmoralisch oder unlogisch sei, beweist eine bedauernswerte Unwissenheit hinsichtlich der menschlichen Natur und verurteilt sich im Extremfall selbst zu einem Leben in Armut. In der Wirtschaft haben nette Leute immer das Nachsehen.“ (S. 45)

 

Das Internet führt in zahlreichen Ländern zu einer Flut gesetzgeberischer Bemühungen, die die Verbreitung von Technologien zur Verschlüsselung einschränken. Dabei geht es u. a. auch darum, den Text einer Nachricht so zu verändern, dass nur der Empfänger sie verstehen kann. Diese Anstrengungen seien aber, so der Autor, im Wesentlichen gescheitert (vgl. S. 23). Auch die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen durch illegale Downloads von Musik und Filmen wäre viel zu kostspielig. „Deshalb haben die Inhaber der Urheberrechte sich erfolgreich darum bemüht, dass der Gesetzgeber das für das Kopieren nötige Wissen kriminalisiert.“ (S. 23) Unter Strafe steht daher die Verbreitung von Technologien, die eine Umgehung des Kopierschutzes erleichtert.

 

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, „dass Kenntnisse über File-Sharing für mehr Menschen mit einem ökonomischen Nutzen verbunden sind als mit einem Schaden“ (S. 24).

 

Im Gegensatz zu früher handelt es sich bei dem Verschwinden von Wissen nicht um „grobschlächtige Zensur“, sondern um einen subtilen Vorgang. Man mache uns glauben, “dass die wichtigen Fakten in Wirklichkeit ganz unwichtig seien, so dass wir gerne darauf verzichten.“ (S. 41) Nicht zuletzt hat uns Zerstreuung – eine faszinierende menschliche Erfindung - auch so genanntes „Wegwerfwissen“ beschert. Der Strom trivialer und nutzloser Information hat enorm zugenommen. Elektronische Technologien wie das Internet dienten, so eine provokante und sicherlich disskussionswürdige These von Robert Laughlin, nicht der Verbreitung, sondern der Vernichtung von Wissen. Wie wir an anderer Stelle sehen werden, sind aber die Möglichkeiten vielfältig und neue Optionen und positive Entwicklungen nicht ganz auszuschließen. A. A.

 

Laughlin, Robert B.: Das Verbrechen der Vernunft. Betrug an der Wissensgesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2008. 159 S. (edition unseld; 2) € 10,- [D], 10,30 [A], sFr 17,40

 

ISBN 978-3-518-26002-9