Die Theorie des konkreten Vitalismus hat eine begriffliche Neugliederung aller Erkenntnisgebiete in Material-, Lebens- und Geisteswissenschaften zur Voraussetzung. Grundannahme ist die Mitwirkung aller Lebewesen am Evolutionsprozeß, die Preuß durch Bewegungskräfte nachzuweisen sucht. Zur Klärung der Lebensrätsel kommt dabei der Lösung der Seelenfrage eine zentrale Bedeutung zu.

Eingehend untersucht der Autor die "drei großen Grenzgebiete unserer Wirklichkeit zwischen All und Welt, Materie und Leben sowie Leben und Geist". "Aus dem mittleren Grenzgebiet zwischen unbelebter (unbewußter) und belebter (zunächst grundbewußter) Welt ließ sich auf das ähnliche letzte Grenzgebiet zwischen vorbewußter und vollbewußter Lebewesenwelt schließen". Der Aufbau des Menschlichen als evolutionäre Wirklichkeit und zukunftsträchtige Möglichkeit wird zunächst als Chance für die Zukunft gesehen. Doch spätestens nach der Einleitung kommt beim Rezensenten Unverständnis bzw. Skepsis auf.

Die Auffassung des Autors wird etwas transparenter, nachdem er Beseelung als Hauptmerkmal der Evolution hervorhebt. Sie umfaßt die Selbsterhaltungstaten aller Bewußtseinsgrade. In der Darstellung der drei Bereiche der Wirklichkeit findet man Abschnitte wie: "Das materielle Nichts ist das immaterielle All oder das Wesen aller Erscheinungen", "Von der unbewußten und selbsttreten Materialempfindlichkeit zum Grundbewußten und selbstgesteuerten Vitalempfinden" oder "Der mentalenergetische Höhepunkt der Evolution durch den Aufbau des Menschlichen". Nun gut, der Fortgang ist beseelt vom Wunsch tiefer einzudringen und dazuzulernen. Gleichzeitig beginnt die Auflehnung gegen eine Abstumpfung des Menschlichen, nicht zu verwechseln mit Nietzsches "Allzu Menschlichem". Aber zurück zu Preuß, für den der Aufbau des Menschlichen" eine bewußte und damit geistige Aufgabe des Ichs ist. Das Menschliche wird als geistige Entwicklung der Menschheit ausgemacht (Teil D).

Der Mensch ist einziger Träger des Bewußtseins und deshalb auch für jeden Machtmißbrauch verantwortlich. Es geht Preuß deshalb darum, die Biologie aus der materialwissenschaftlichen Umarmung und geisteswissenschaftlichen Verarmung herauszulösen. Denn: Leben ist beseeltes Sein. Der menschliche Ungeist kann die Entwicklung des menschlichen Geistes als vollbewußte Seele bedrohen. Die Rückbesinnung auf sinnbezogenes 'Denken ist gefordert.

Preuß, Fritz: Der Aufbau des Menschlichen. Die Mitschöpfung der Lebewesen an ihrer Gestaltung. Eine biologische Evolutionstheorie des Konkreten Vitalismus. Hamburg (u. a.): Parey, 1987. 222 S. DM 28,- / sfr 23,50 / öS 218,40