Die Beschäftigung mit vergangenen Zukunftsentwürfen ist nicht mehr so neu, dass Titel, die mit dem Paradoxon „Geschichte der Zukunft“ spielen, noch originell wären. „Zukunftswissen. Prognosen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seit 1900“ heißt daher ganz nüchtern der Sammelband, den die Historiker Heinrich Hartmann und Jakob Vogel herausgegeben haben und dessen Beiträge zum überwiegenden Teil auf eine Tagung am Berliner Centre Marc Bloch vom Februar 2008 zurückgehen.

 

Entwürfe der Zukunft können nichts anderes sein als Teil der Gegenwart. Vergangene Zukunftsbilder gehen den Historiker damit genauso an wie beispielsweise Kriege oder Verfassungen. Entsprechend gibt es dazu inzwischen sowohl boulevardeske (Horx-Strathern) als auch wissenschaftliche (Hölscher, Uerz) Überblicksdarstellungen. Woran es weiterhin fehlt, sind quellenbasierte Einzelstudien. Mehrere gelungene Beispiele dafür liefert der hier besprochene Sammelband.

 

Sein erster Schwerpunkt liegt auf der Prognose, also dem wissenschaftlichen Versuch, aus einem Maximum verfügbarer Informationen auf die Zukunft zu schließen. Diese gewann im Laufe des 20. Jahrhunderts gewaltig an Bedeutung: Der Aufschwung der quantifizierenden „exakten“ Wissenschaften sorgte für eine wachsende Produktion von, die Erwartungen der Medienöffentlichkeit für ein wachsendes Interesse an Prognosen. Die moderne Wissensgesellschaft, die durch das Wechselspiel von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit geprägt ist (S. 9), bildet daher den Hintergrund für die Fallstudien des Sammelbandes.

 

Die zweite wichtige Kategorie ist die Planung. Ob diese und die Prognose tatsächlich „in einem Spannungsverhältnis zueinander standen“ (S. 16), wäre zu diskutieren, allerdings machen die Herausgeber mit dieser Zuspitzung auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: „Prognose“ und „Planung“ bezeichnen Unterschiedliches und sollten daher keineswegs synonym verwendet werden. Leider hält nicht jeder Aufsatz diese Trennung durch, und genauso kontraproduktiv ist in dieser Hinsicht der Titel des ersten Hauptteils: „Prognostische Planung und Praxis“. Überhaupt wirkt die Vierteilung des Bandes recht künstlich. Abgesehen von zwei Ausnahmen (Anne Seitz über literarische Utopien und Stefan Willer über die Futurisierung der UN-Gedächtnispolitik aus dem Teil 4 „Utopien und Visionen“) hätte eigentlich jeder Aufsatz auch in eine andere Rubrik einsortiert werden können.

 

Die große Stärke des Buchs ist seine empirische Basis. Zumeist haben die jeweiligen Autoren sich bereits in umfangreicheren Forschungsprojekten mit ihren Themen beschäftigt, entsprechend gut sind die Quellen recherchiert und entsprechend konkret und detailreich fallen die Aufsätze aus. Zum Nachschlagen für Fachhistoriker und speziell Interessierte ist der Band daher in jedem Fall gut geeignet. Doch auch für den Nichthistoriker lohnt sich einiges. Auf drei Beispiele sei näher eingegangen.

 

In seinem Aufsatz „Apokalyptik als Profession?“ zeigt Frank Uekötter, dass (abschreckende) Prognosen und die Umweltbewegung erst spät und keineswegs zwangsläufig zusammenkamen (S. 298). Präzise benennt er Abläufe und ihre Akteure und zieht auch deren Vorgeschichte zu Vergleichen heran. So hatten bereits im späten Kaiserreich Diskussionen über Umweltprobleme stattgefunden, denen zwar der übergeordnete Zusammenhang – der Bezug auf eine Umwelt – fehlte, deren Heftigkeit aber erst in der BRD der 60er-Jahre wieder erreicht wurde (S. 287). Verweise auf gegenwärtige klimapolitische Debatten runden den Beitrag ab. Eine solche Zeitgeschichte als „Vorgeschichte der Gegenwart“ leistet, was eben auch Aufgabe des Historikers ist: den Blick für Aktuelles zu schärfen.

 

Für noch größere Aha-Effekte sorgt Eva Barlösius’ Beitrag „Bilder des demografischen Wandels“, der zeigt, wie optische und sprachliche Bilder unsere Wahrnehmung der Gesellschaft beeinflussen. Die Gegenüberstellung von kaiserzeitlicher „Bevölkerungspyramide“ und heutiger „Urne“ oder „Pilz“ ist nämlich bereits eine Interpretation, die unverzüglichen Handlungsbedarf eher suggeriert als begründet (S. 232). Obwohl die Autorin explizit (ideologie-)kritische Töne vermeidet, enthält ihr Aufsatz einigen Sprengstoff, beispielsweise wenn sie beschreibt, wie die Demographisierung die Personalpolitik großer Unternehmen beeinflusst. Alterspyramiden von Belegschaften dienen dann als Argumente für Entlassungen, denen tatsächlich wohl eher ökonomische Entscheidungen zugrunde liegen (S. 247).

 

Einen großen kulturhistorischen Bogen spannt der Beitrag „Nachhaltige Zukunft: Kommende Generationen und ihr politisches Erbe“ des Literaturwissenschaftlers Stefan Willer. Darin zeigt er, wie sich das Motiv der Generationengerechtigkeit von den Menschenrechtserklärungen des späten 18. Jahrhunderts bis zur UN-Gedächtnispolitik seit den 70er-Jahren durch politische Zielvorstellungen zieht, weist aber auch auf die Probleme dieses Konzepts hin, wie die Musealisierung und den Stillstand unserer Welt, auf den der Erhalt geschützter Monumente „für immer“ hinausliefe (S. 275-276).

 

Obwohl die Mehrzahl der Beiträge es eindrücklich widerlegt und obwohl die methodische Beschäftigung mit vergangener Zukunft nicht mehr neu ist, scheinen die Herausgeber den Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit zu befürchten. Sie tun daher alles, um die Seriosität des Themas zu betonen. Dabei machen sie es manchmal komplizierter als nötig wäre, wie etwa bei der autoritätenbeladenen Herleitung der Tatsache, dass Zukunft sich nur als Teil der Gegenwart begreifen lässt. Die wichtige Folgerung, dass Zukunftsvorstellungen sich in Krisenzeiten besonders schnell verändern, liest sich dann so: „Gehen wir von einer solchen Verschiebung im Spannungsfeld von Erfahrung und Zukunft aus, wird es nicht verwundern, dass die Zukunftsvorstellungen insbesondere in jenen Zeiten Kapriolen schlagen, in denen die ihnen bislang zugeordneten Erfahrungsräume wegbrechen“ (S. 8f.).

 

Wer sich aber von der teilweise unnötig komplizierten Sprache nicht abschrecken lässt, nimmt aus der Lektüre einiges mit: der Historiker eine relativ unverbrauchte Perspektive auf die Zeitgeschichte, der Zukunftsdenker Relativierungen und Erinnerungen an die Zeitgebundenheit des Zukunftswissens und der engagierte Demokrat einige Aha-Erlebnisse. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen! Dass er das so detailreich und faktengesättigt tut, ist das Verdienst dieses Bandes. A. E.

 

Zukunftswissen. Prognosen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seit 1900.  Hrsg. v. Heinrich Hartmann … Frankfurt/Main: Campus, 2010. 303 S., € 29,90 [D], 30,80 [A], sFr 52,30

 

ISBN 978-3-593-39026-0