„Experimente haben gezeigt, dass Versuchspersonen bei der Schätzung von Wahrscheinlichkeiten außergewöhnliche Ereignisse bei großen Stichproben für ebenso wahrscheinlich ansehen wie bei kleinen Stichproben. Das Gleiche gilt für subjektive Erwartungen und Kausalerklärungen. Die Beurteiler stellen nicht in Rechnung, dass extreme Ereignisse der statistischen Regression unterworfen sind, elementaren Regeln der Wahrscheinlichkeit wird nicht gefolgt.“ (S. 18) Die Forscher Daniel Kahnemann und Amos Tversky zeigten dies unter anderem mit einem Experiment, bei dem Menschen (u. a.) schätzen sollten, wie wahrscheinlich es ist, dass unter einer bestimmten Anzahl von Neugeborenen weniger als fünf Prozent Buben sind. Korrekt wäre, dass dieses außergewöhnliche Ereignis umso unwahrscheinlicher ist, desto größer die Gesamtzahl der Neugeborenen ist. Die Versuchspersonen übersahen dies und gaben die Wahrscheinlichkeit für niedrige Knabenraten für kleine und große Grundgesamtheiten ähnlich an.

 

Das ist nur ein Detail der umfangreichen Darstellungen zur Wirtschaftspsychologie, die die Klagenfurter Universitäts-Professorin Linda Pelzmann zusammengestellt hat. Es taucht im Zusammenhang mit der Frage auf, wie rational der Homo Oeconomicus nun wirklich ist. Die Frage ist bedeutend, denn die Fehler strukturalistischer Vorhersagen in der politischen Theorie sind Anlass genug, sich der Frage der Akteure neu zu stellen. Während auf der einen Seite Versuche unternommen werden, strukturelle Bewegungsgesetze (Kapitalverhältnisse, Systemdynamiken) zu erneuern, beharrt man in anderen Texten auf dem Modell des Homo Oeconomicus als Grundbaustein bei der Erklärung von Gesellschaftsentwicklungen. Die Kritik am Konzept des Homo Oeconomicus muss dabei nicht zurück zum methodischen Kollektivismus führen, wie zuletzt zum Beispiel Richard Thaler und Cass Sunstein zeigten („Nudge“, Rezension in Pro Zukunft 3/2009).

 

Einen Einstieg in diese Diskussion bietet zum Beispiel das hier besprochene Buch „Wirtschaftspsychologie“. Die Frage sei, ob das für den Gebrauch der Nationalökonomie benötigte Verhaltensmodell des Homo Oeconomicus durch relevantes und abgesichertes Wissen aus psychologischen, soziologischen und vor allem sozialpsychologischen Modellen zu ergänzen und zu erweitern ist. Pelzmann nimmt an, dass diese Frage mit Ja zu beantworten sei, insbesondere in Zeiten wachsenden Wohlstandes und des Aufkommens postmaterialistischer Lebensentwürfe. Hier setze das Modell der „Bounded Rationality“ von Herbert Simon an. Der Begriff trägt dem Umstand Rechnung, dass ein rational handelnder Akteur in der Regel keine vollständigen Informationen zur Verfügung hat, auf die er sich beziehen kann. Seine Entscheidungen sind vielmehr von externen Umständen und der bisherigen Entwicklung bestimmt. Unter diesen Vorgaben bezweifelt er auch die Möglichkeit der Optimierung der eigenen Bedürfnisbefriedigung, sondern rät dazu anzunehmen, dass Menschen sich in der Regel mit gewissen Mindestanforderungen begnügen. Das Buch von Pelzmann zeigt weiters, wie auch an anderer Stelle das Konzept des Homo Oeconomicus in der Wissenschaftsgeschichte kritisiert und/oder weiterentwickelt wurde.

 

Daneben finden sich in dem als Lehrbuch angelegten Werk Einführungen unter anderem in die Massenpsychologie von Wirtschaftsprozessen, Analysen zu Steuerwiderstand, zu Arbeitslosenforschung und zu psychologischen Aspekten von Spekulation und Innovation. S. W.

 

Pelzmann, Linda: Wirtschaftspsychologie. Behavioral Economics, Behavioral Finance, Arbeitswelt. Wien: Springer, 2010 (5. Aufl.). 363. S., € 45,95 [D],

 

47,30 [A], sFr 80,40; ISBN 978-3-221-30846-2