Der Leitgedanke "Reden ist Silber, Handeln ist Gold" gibt treffend die Intentionen Werner Mittelstaedts, dem Gründer und Vorsitzenden der "Gesellschaft für Zukunftsmodelle und Systemkritik" in Gelsenkirchen, wieder. Das eigentlich Neue seiner beachtenswerten Studie ist die Annahme, daß die Chaostheorie zur Gestaltung wünschenswerter Zukünfte beitragen kann. Im ersten Teil des Buches werden sieben existentielle Menschheitsherausforderungen (in Anlehnung an Ossip K. Flechtheim) beschrieben und Hintergrundwissen beispielsweise zum Treibhauseffekt und Ozonloch vermittelt. Scharfe Kritik wird an den maßgeblichen Entscheidungsträgern geübt, "die durch Verantwortungsschwindel, Tatenlosigkeit, Handeln wider besseres Wissen, Herunterspielen von Krisen und oftmals mit großer Selbstgerechtigkeit dabei sind, die Krisen der Menschheit zu verschärfen". Als Ausweg in Richtung auf eine wünschenswerte Zukunft nennt Mittelstaedt die Umstellung auf "qualitatives Wachstum" und die Synthese aus kapitalistischen und sozialistischen Wert- und Handlungsmustern (Dritter Weg). Der Autor nennt auch Beispiele von Initiativen, Entwürfen und Personen, die bereits in diese Richtung arbeiten. Im zweiten Teil werden Grundinformationen zur Chaosforschung vermittelt, die belegen, "daß schon kleinste Veränderungen in den Anfangsbedingungen in einem ansonsten stabilen System große Veränderungen bewirken können". Diskutiert werden auch die Prinzipien der Selbstorganisation, wie sie in der belebten und unbelebten Natur seit jeher vorkommen. Mittelstaedt kommt zum Schluß, daß uns die Erkenntnisse der Chaostheorie helfen, anders zu planen, Prognosen unter stärkerer Berücksichtigung der Nichtlinearität aufzustellen und in unseren Zukunftsgestaltungen Freiräume für unerwartete Entwicklungen einzubeziehen. Der Leser wird aufgefordert, neue Anfangsbedingungen (z. B. höhere Energiepreise zu zahlen, Chemie im Haushalt zu vermeiden, auf das Zweitauto zu verzichten, den Fleischkonsum zu reduzieren u.a.) zu realisieren und selbst umzusetzen. Besondere Bedeutung kommt der Schaffung von globalen Netzwerken durch die neuen sozialen Bewegungen und die alternativen Wissenschaften zu. Diese könnten "in Form einer großen außerparlamentarische Weltkoalition wirkungsvoller ihre Ideen von einer menschlichen und ökologisch vernünftigen Zukunft ins öffentliche Bewusstsein übertragen“

Die Prämisse" Wir können nur hoffen, wenn wir handeln" bleibt nicht nur verbaler Vorsatz, sondern wird von Mittelstaedt vorbildlich konkretisiert. Viele der Vorschläge werden zwar nicht zum ersten Mal erhoben, doch finden sich in der Forderung zur Erbringung von "Minimalleistungen " neue Realisierungschancen und Möglichkeiten, dem Verlust an Utopie mit Zukunftsvisionen zu begegnen. A.A.

Mittelstaedt, Werner: Zukunftsgestaltung und Chaostheorie. Grundlagen einer neuen Zukunftsgestaltung unter Einbeziehung der Chaostheorie. Vorw. v. Ossip K. Flechtheim. Frankfurt/M. (u.a.): Lang, 1993. 2155., DM 49,- / sFr41,50 / öS 382,20