Namhafte Experten aus den Bereichen Philosophie, Psychologie und den Erziehungswissenschaften entwerfen in einer neunteiligen Vortragsreihe für den „SWR2“ durchaus konkrete gesellschaftliche und bildungspolitische Alternativen, wie wir in Zukunft lernen, leben und arbeiten werden, die zudem ohne große Veränderung umzusetzen wären.

 

Zu Beginn kommt Reinhard K. Sprenger, vielgelesener Managementautor, mit Ideen zum Verhältnis von Bürger und Staat zu Wort. Für ihn ist klar, dass der moderne Staat nicht mehr für den Bürger da ist, sondern umgekehrt der Bürger für den Staat. Das soll sich seiner Ansicht nach in Zukunft ändern. Wie aber könnte der neue Bürgerstaat, wie ihn sich Sprenger vorstellt, aussehen? Sein erster Vorschlag bezieht sich auf den Umbau des Einkommenssteuersystems und müsste einen einheitlichen Steuersatz anstelle des progressiven Steuertarifes beinhalten. Darüber hinaus sollten die BürgerInnen die Hälfte der Steuerzahlungen selbst verteilen, denn sie wüssten am besten, was für sie gut ist. Nicht zuletzt fordert er die schrittweise Wiedereinführung plebiszitärer Elemente in unsere Verfassung.

 

Das Verhältnis von Demokratie und Politik ist auch Thema bei Otfried Höffe, für den „eine Politik, die drohende Übel erst erkennt, wenn sie sich deutlich zeigen“, ihre Kernaufgaben gründlich verletzt. Höffe, Professor für Philosophie an der Universität Tübingen, zeigt, dass die Frage, wie zukunftsfähig die parlamentarische Demokratie sei, nicht eindeutig zu beantworten ist (vgl. PZ 3/2009 Nr. 96), denn wir haben es mit einer so genannten Diskontierung der Zukunft zu tun, einem Phänomen, dass uns die Zukunft nicht so viel wert ist wie die Gegenwart. Dieses betrifft vor allem die Tagespolitik, die abhängig ist von Meinungsumfragen, von innen- und außenpolitischen Kompromissen und von der ständig vor der Tür stehenden nächsten Wahl.

 

 

 

Unternehmen neu

 

Gerade in Zeiten größer werdender Komplexität, in der auch die Gefahr plötzlicher Krisen wächst, brauchen wir neue Management-Muster, die auf Kreativität, Flexibilität, Krisenbewältigung und Transparenz hinauslaufen. Die Wirtschaftswissenschaftler und Managementberater Hans A. Wüthrich, Stefan Kaduk und Dirk Osmetz von der Universität der Bundeswehr München erläutern diese Alternativen. Dabei geht es nicht darum, „das Falsche noch besser zu machen“. Gefragt sei in erster Linie eine ausbalancierte Organisation, die mindestens so belastbar wie effizient ist und Führungskräfte zur Verfügung habe, „die ihre Rolle als ‚Ermöglicher‘ und nicht als ‚omnikompetente Silberrücken‘ verstehen“ (S. 54).

 

Auch der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz beschäftigt sich in seinem Beitrag mit einer Form von Unternehmen, nämlich der Ich-AG, und versteht darunter den zu Hause arbeitenden Teleworker. Dank der neuen digitalen Medien hat sich die Arbeit im 21. Jahrhundert vom Arbeitsplatz befreit, zumindest theoretisch. Idealistisch verklärend schwärmt Bolz von der „Arbeit der Zukunft“, bei der man nicht mehr zur Arbeit fährt, sondern die Arbeit nach Hause kommt.

 

Zukunft Schule

 

Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Eliteinternats Schloss Salem und Gründer des „Zukunftsrats“, denkt in seinem Beitrag „Die Zukunft der schulischen Erziehung“ über Möglichkeiten alternativer Schulen als Orte der Persönlichkeitsbildung nach. Dabei sollten wir folgende Ziele verfolgen: flächendeckende und verpflichtende Ganztagsschule, Änderung des Selbstverständnisses und Rolle der Lehrer, Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern sowie eine andere Art der Schulleitung, die weniger verwaltet und stattdessen die Lehrer stärker begleitet.

 

In einem weiteren Beitrag wird dem dreigliedrigen Schulsystem eine Absage erteilt: „Statt junge Menschen in der Schulzeit zu sortieren, gegeneinander auszuspielen und viele zu entmutigen, sollten sie stattdessen Gemeinsamkeit und Solidarität erfahren und Ermutigung und Stärkung erleben in und durch Gemeinschaft.“ (S. 134).

 

Erwähnt sei noch der Beitrag des Philosophen Wilhelm Schmid, der als führender Vertreter der deutschen Richtung einer „Lebenskunstphilosophie“ vorgestellt wird. Ihm geht es sowohl um die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit als auch um die sozialen (was kann ich selbst beitragen in einer Gesellschaft, in der ich gerne leben möchte) und ökonomischen Verhältnisse (welche Möglichkeiten habe ich, auf die Art des Wirtschaftens Einfluss zu nehmen). A. A.

 

Zukunft jetzt! Hrsg. v. Ralf Caspary. Stuttgart: Steiner-Verl., 2009.  175 S., € 16,90 [D], 17,40 [A], sFr 28,70

 

ISDN 978-3-515-0939-2