Im Jahr 1972 wies der Club of Rome erstmals auf die baldige Ressourcenerschöpfung hin. Seitdem schlagen in regelmäßigen Abständen Prognostiker/innen Alarm und RegierungsvertreterInnen plädieren für mehr Konsum als Allheilmittel für die marode Wirtschaft.

Armin Reller und Heike Holdinghausen proklamieren hingegen: „Wer existiert, konsumiert“ (S. 7) und das bis zum „Tode“. Gemäß diesem Motto machen sie sich auf die Suche nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe), denn: „geht man von neuesten Berechnungen aus, leben und konsumieren wir so, als stünden uns zumindest 1,4 Planeten zu Verfügung“ (S. 8). In fünf Kapiteln erzählen sie „Stoff- und Produktgeschichten“ über den Klimawandel, den Lebensstil des Menschen, seine Mobilität, seine Kommunikation und seine Nahrungsmittel.

Der Chemiker und die taz-Redakteurin spannen ausgehend von der Materie die Zusammenhänge weiter. Rund um die Durchstarter unter den Stoffen wie CO2, Silicium, Wasser, Holz oder Baumwolle komponieren sie Kreislaufanalysen, die untrennbar mit unserer modernen Lebenswelt verknüpft sind, auch wenn wir die Kontexte seit der Einführung des Geldes „vermeintlich ungestraft ausblenden“ (S. 12). Indem sie die substanziellen Komponenten unseres Konsums nicht nur nach Gesichtspunkten ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit, sondern als Teile der Gesamtheit des Lebens auf der Erde betrachten, rütteln die Schreibenden am medial erworbenen Halbwissen. Sie verzichten in diesem Sinne auf das Wort Rohstoff fast gänzlich, denn sie glauben: „Dinge sind nicht zu etwas da, sie sind einfach da.“ (S. 203) Anschaulich und ohne belehrenden Nachdruck erklären Reller und Holdinghausen den Wert von Stoffen, wie Platin, Flüssigkristallen oder Phosphor von Grund auf. Sie definieren sie, erzählen ihre Funktion im Kreislauf des Lebens und verweisen auf ihre Nutzungsgeschichte.

Wenn die Publikation auch hin und wieder konkrete Vorschläge für die/den bewusste/n Verbraucher/in bietet, so ist sie eines trotzdem nicht: eine Gebrauchsanweisung für KonsumverweigerInnen. Vielmehr nehmen der Professor für Ressourcenstrategie an der Universität Augsburg und seine Mitarbeiterin den umgekehrten Blick ein: von den Substanzen zu den Profiteurinnen und Profiteuren. So heißt es im letzten Kapitel: „Wir werden herausfinden müssen, wie wir auch kleinere Mengen an Material in sinnvolle Kreisläufe überführen. Und welche Wirkungen die mobilisierten und dissipierten Stoffe entfalten.“ (S. 203)

 

Alternativen zum Status Quo

Hinsichtlich möglicher Alternativen für den gegenwärtigen Umgang mit Bodenschätzen und neuen Technologien wägen die Erzählungen zwischen den Lobliedern mancher PolitikerInnen und Wissenschaftler/innen, dem Nutzen sowie auch den Risiken sorgfältig ab und bekennen, dass Zukunftsprognosen zur Ressourcenerschöpfung im Grunde immer mangelhaft sein müssen. Des Weiteren sehen Reller und Holdinghausen Recycling zwar als unumgänglich an, stellen aber dennoch fest, dass sich z. B. „die üblichen, marktgängigen Kunststoffe von heute nicht in einen Kreislauf führen lassen“ (S. 107), selbst wenn sie zuvor wiederholt verschiedene Zwecke erfüllt hätten. Die Lösung heißt dementsprechend: „Es geht für uns (...) nicht nur darum, anders zu konsumieren, sondern auch weniger.“ (S. 204) Außerdem zeigen die beiden auf, dass der Recyclingbegriff manchmal mitunter täuschend verwendet wird.

Im Vergleich zu anderen Darstellungen versuchen die Verfasserin und der Verfasser, einen neutralen, breit gefächerten und aktuellen Blick einzunehmen. Als Lösungen bevorzugen sie ganzheitliche Konzepte, so wie sie z. B. bezüglich der Alternative Elektroauto meinen: „Nur mit Strom aus Sonne, Wind und Wasser haben sie eine positivere Klimabilanz als Autos mit Verbrennungsmotoren.“ (S. 160) Zu empfehlen ist das Buch für NutznießerInnen, die bis dato klinisch sterilisiert konsumieren und den Bezug zur Natur mit all ihren vernetzen Zusammenhängen aus den Augen verloren haben. A. P.

 

 Reller, Armin; Holdinghausen, Heike: Wir konsumieren uns zu Tode. Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen. Frankfurt/M. Westend Verlag, 2013, 3. komplett überarbeitete u. aktual. Aufl., 224 S., € 14,99 [D], 15,50 [A], sFr 21,90

ISBN 978-3-86489-049-9