Die Beschäftigung mit dem Phänomen Zeit ist Ivo Muri gewissermaßen in die Wiege gelegt. Er entstammt einer Unternehmerfamilie, die Kirchturmuhren und Glockenantriebe herstellte, er selbst gründete 1994 die „ZEIT AG“, die „Soft- und Hardware-Lösungen für Zeitwirtschaft und Zutrittmanagement“ herstellt und gegenwärtig rund 1400 Unternehmen aus Wirtschaft und Verwaltung betreut (vgl. S. 85). Erfolgreiche Unternehmensführung aber ist Muri bei weitem nicht genug. Sein Anliegen ist es darüber hinaus die Dimensionen umfassend und - gewissermaßen mit Schweizer Präzision - zu analysieren. Zu diesem Zweck hat Muri im Jahr 2002 in Sursee das Institut „Zeit und Mensch“ gegründet. Man sollte, so der sich als Autodidakt verstehende Zeitforschern, „das Wissenschaftliche nicht den Wissenschaftern überlassen, [denn] das Denken ist uns allen gegeben“. Werfen wir also einen Blick auf die Überlegungen Ivo Muris, die einerseits fundiert, zum anderen unkonventionell – und in manchen Punkten wohl auch realitätsfern sind. Doch der Reihe nach.

Wir seien, so der Autor, im zunehmend schneller laufenden „Hamsterrad“ gefangen, weil wir unser Leben so gut wie ausschließlich nach den Bedürfnissen der Wirtschaft und deren Prinzip „Zeit ist Geld“ organisierten. Würden wir indes erkennen, dass es drei Arten von Zeit gibt, so hätten wir damit auch den Schlüssel in der Hand, um nicht weniger als „ein generationenübergreifend sinnvolles und friedvolles Zusammenleben“ zu organisieren (S. 31). Voraussetzung hierfür ist nach Muri die klare Unterscheidung von

1.) der Zeit der Uhren (und Planeten): sie messe, genau betrachtet, Bewegung im Raum und würde uns im Prozess der globalen Wirtschaftsabläufe zunehmend unter Druck setzen;

2.) der Zeit des Lebens, die allen Kreaturen als Lebensenergie - Psyche, Seele, Prana oder Chi genannt geschenkt wurde;

3.) der Zeit der Wirtschaft, die - den Gesetzen des Kapitalismus folgend - ausschließlich nach der Maxime „Zeit ist Geld“ organisiert sei.

Würden wir die jeweils unterschiedlichen Dimensionen von Zeit erkennen und danach trachten, sie nicht zu vermischen, sollte es gelingen die Voraussetzungen für ein besseres Leben zu schaffen. Voraussetzung dafür sei es, die Maxime „Zeit ist Geld“ radikal infrage zu stellen, indem wir „die Koppelmechanik der fixen Einnahmen und fixen Kosten zwischen Gläubiger und Schuldner wertneutral analysieren“ (S. 22). Muri plädiert, einfach formuliert, für eine Abschaffung des Zinses, womit zumindest ein auch von vielen anderen Vordenkern alternativen Wirtschaftens benanntes Krisensymptom der Ökonomie angesprochen wird. Wie der von Muri vehement geforderte „Ausstieg aus dem Hamsterrad“ realistischerweise vorangebracht und umgesetzt werden könnte, deutet der Autor, der sich hier – ganz und gar von den Vorzügen der Schweiz als Ideal gelingender Demokratie auf der Basis funktionierende Regionaltät und ausgeprägten politischen Interesses überzeugt - zusammenfassend meint: „Wer sollte uns in einer Demokratie daran hindern, die Wirtschaftsgesetze und andere Gesetzestexte auf die Problematik der Finanzkostenspirale hin zu untersuchen? Und wer sollte uns daran hindern, diese auch zu ändern, wenn sie uns nicht nachhaltig oder gar ungerecht erscheinen?

Bei allem Respekt: Wäre es so einfach, die Welt - im großen wie im kleinen - zu ändern, sie sähe wohl anders aus! Gleichwohl verdient die hier vorgebrachte Analyse des Phänomens „Zeit“ ebenso Beachtung wie die Überzeugung des Autors, dass Aufmerksamkeit und Engagement die besten Voraussetzungen für eine lebendige Demokratie sind.

Als Beispiel dafür können zwei weitere Texte des Autors angeführt werden, die an gleicher Stelle zu finden sind. In seinem „Plädoyer für ein direktdemokratisches Europa“ spricht sich Ivo Muri vehement für ein „Europa der Nationen auf der Basis regionaler Währungsräume“ aus, die nach Vorbild der Schweiz auf folgenden Prinzipien gründen sollten: 1.) genossenschaftlich organisierte Banken; 2.) kleinräumige Strukturen, die Kooperation vor (Steuer-)Wettbewerb stellen und 3.) ein Referendums- und Initiativrecht, welches Bürgerinnen und Bürger als Betroffene zu Beteiligten macht, indem es sie ermächtigt, „an der Urne selbst über Gesetzesvorlagen abzustimmen“ (S. 51). Ob, wie der Autor meint, Europa – und gar die Welt – am Schweizer Wesen genesen würde, das bleibe, vorsichtig formuliert, dahingestellt.

 

Machen wir Geld arbeitlos

Unkonventionell und durchaus zukunftsweisend indes erscheint der Vorschlag Ivo Muris, über den Begriff der Freiwilligenarbeit genauer nachzudenken. Zum einen suggeriere diese –  immer wieder als für die Aufrechterhaltung des Gemeinwesens unverzichtbar angesehene Form sozialen Engagements, „dass alle anderen Berufstätigen, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, unfreiwillig arbeiten“ (S. 41); demnach wäre es besser und präziser von „lohnfreier Arbeit“ oder „Gratisarbeit“ zu sprechen, womit auch deutlich würde, wie wir vielfach mit jenen - vor allem Jugendlichen – umgehen, die in erster Linie ein Anrecht auf angemessen bezahlte und sinnstiftende Arbeit haben. Und wäre es, so Muri pointiert, nicht weit klüger, „Geld arbeitslos zu machen“: „Geld sollte nur dann arbeiten dürfen, wenn alle Menschen, die kein Geld haben, das für sie arbeitet, einen bezahlten Erwerbsarbeitsplatz haben.“ (S. 42f.) Mit dem Vorschlag, dass „Geld auf Zins und Dividende genauso verzichten könnte, wie Freiwilligarbeitende auf den Lohn ihrer Arbeit“, ist freilich ein Thema angesprochen, das viel Raum für weitere Überlegungen bietet … W. Sp.

 Muri, Ivo: Die drei Arten von Zeit. Ausstieg aus dem Hamsterrad. Erkenntnisse von Ivo Muri aus sieben Jahren Zeitforschung. Sursee: Zeit & Mensch Verl., 2013. 87 S., € 20,25, sFr 30,40

ISBN 978-3-905788-05-01