Der einstige Mitstreiter von Julian Assange hat seine eigene Geschichte über seine Zeit bei der Whistleblower-Plattform geschrieben. Im Herbst 2010 im Streit ausgeschieden, folgt nun die Enthüllungsstory über die Enthüllungsplattform. Und bereits im Vorfeld wurde klar, dass es sich dabei um eine Abrechung handelt. Philipp Elsbrock auf „stern.de“ spricht in seiner Besprechung von einer „Geschichte der enttäuschten Liebe“, die Domscheit-Berg und seine Koautorin erzählen. „Boulevardeskes mischt sich dabei mit interessanten Einblicken in die Geschichte von Wikileaks.“ (10. 2. 2011, „Rosenkrieg im Marmorsaal“, www.stern.de) Bei der Buchpräsentation bestreitet dies Domscheit-Berg und spricht davon, dass es ihm vielmehr darum gehe, seine Ehre wiederherzustellen. Nach seinem Ausstieg habe ihn Assange in diversen Interviews diskreditiert und sogar persönlich bedroht. Aber klar wird schnell, dass Assange im Buch überhaupt nicht gut wegkommt. Der Australier wird einerseits als sehr „freigeistig“, „energisch“, „genial“, andererseits aber auch als „paranoid“, „machtversessen“ und „größenwahnsinnig“ (vgl. S. 11) beschrieben. Die frühen Erfolge von Wikileaks schildert Domscheit-Berg als großen Bluff. „Hätte die gegnerische Seite damals gewusst, dass wir nur zwei extrem großmäulige junge Männer mit einer einzigen Uralt-Maschine waren, hätte sie eine Chance gehabt, den Aufstieg von WikiLeaks zu stoppen.“ (S. 29f.)

 

Bereits vor Veröffentlichung dieses Buches kursierten brisante Passagen im Internet. Mitarbeiter hatten laut Domscheit-Berg bei ihrem Ausscheiden im Herbst vergangenen Jahres bisher unveröffentlichte Dokumente entwendet. Als Grund gab er Sicherheitsbedenken an. „Das Material – es soll sich um 3.500 Dokumente handeln – wird laut Domscheit-Berg zwischengelagert und soll erst an Wikileaks zurückgegeben werden, wenn eine sichere Übergabe gewährleistet ist. Einer der Aussteiger hat außerdem die von ihm entwickelte Software mitgenommen.“ (vgl. Artikel auf www.stuttgarter-zeitung.de...)

 

 

 

Wie alles begann

 

„Inside WikiLeaks“ thematisiert nicht nur, wer hinter der Organisation steht und warum das Pentagon eine 120 Mann starke „Task Force“ einberufen ließ, sondern schildert auch, welche Ziele die Plattform verfolgt (vgl. auch beide Doku-Filme).

 

Daniel Domscheit-Berg selbst hat die Enthüllungsplattform seit 2007 Seite an Seite mit Assange aufgebaut. Damals traf der junge Deutsche, ein Software-Ingenieur und Mitarbeiter von Electronic Data Systems, Julian Assange und das Abenteuer begann. Gemeinsam kämpften sie für ihr Projekt mit veralteter Hardware und geringen finanziellen Mitteln und ließen doch die Welt glauben, dass eine neue Kraft auf den Plan getreten sei. „In der Welt, von der wir träumten, hätte es weder Chefs noch Hierarchien gegeben, und niemand hätte seine Macht darauf begründen können, daß er anderen Menschen Wissen vorenthielt, das die Grundlage für gleichberechtigtes Handeln gewesen wäre“ (S. 11f.), schreibt Domscheit-Berg.

 

Und tatsächlich wurden immer mehr Informanten auf sie aufmerksam, spielten ihnen sensible Daten zu. WikiLeaks feierte die ersten Erfolge, zwar noch bescheiden und nicht so, wie sie es sich erhofft hatten, aber immerhin, ein Anfang war geschafft.

 

Was dann kam, darf als bekannt vorausgesetzt werden: Die Bär-Bank in Island, Kenia (der Githongo-Report zu Korruptionsfällen), die Scientology-Handbücher, der Feldjäger-Bericht zum Bombardement von Kundus, das Irak-Video, die amerikanischen Kriegstagebücher aus Afghanistan, die Irak-Akten, die diplomatischen Depeschen. Dazu das Vorhaben, Islands Gesetze so umzuschreiben, dass dort ein sicherer Datenhafen entsteht (siehe Dokfilm ).

 

Was bleibt aber nun nach dem Bruderzwist von den einst gutgemeinten Zielen übrig? Ist es der Gedanke, dass man die Welt besser machen kann, indem Missstände öffentlich angeprangert werden und Herrschaftswissen durch Transparenz ersetzt wird? Diese Gedanken haben sich vor dem Hintergrund persönlicher Querelen, Eifersüchteleien und Machtanspruch beinahe verflüchtigt. Die hehren Ideen von Freiheit und Demokratie sind auf der Strecke geblieben. WikiLeaks aber ist wieder das, was es vor Jahren war, eine Idee von Julian Assange ohne Organisation und technisches Know-how.

 

Domscheit-Berg, Daniel; Klopp, Tina:Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt. Econ, 2011. 302 S., € 16,99 [D], 17,50 [A], sFr 28,90 

 

ISBN 978-343020121-6