WikiLeaks hat sich durch die spektakulären Enthüllungen geheimer Dokumente aus US-Botschaften sowie über die Kriege in Afghanistan und Irak viele Feinde gemacht. Die Organisation und ihr Gründer Julian Assange werden von den USA gar als Staatsfeind bezeichnet und mit aller Macht verfolgt. Einige republikanische Abgeordnete forderten sogar die Anklage wegen Terrorismusverdacht und die Todesstrafe. Die beiden Spiegel-Redakteure Marcel Rosenbach und Holger Stark erzählen die Geschichte der Netzaktivisten und ihres Gründers aus der Innenperspektive. Beide standen in engem Kontakt mit WikiLeaks, da das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit dessen Hilfe Enthüllungen publiziert hat, und kennen wie kaum jemand anderer die Organisation von innen. Natürlich geht es auch um die Persönlichkeit Assanges, seine Herkunft und Sozialisation durch die australische Hippieszene und die Gründung von WikiLeaks durch fünf Freunde bis zur Jagd auf ihn Ende 2010. In diesem Zusammenhang werden die Veröffentlichungen der Whistleblower-Plattform eingeordnet und bewertet und lesen sich zudem noch spannend wie ein Krimi.

 

Das Online Magazin „heise.de“ findet es zwar eher bedenklich, dass genau wie in den Medien, Julian Assange als Held gefeiert werde. Der eigentliche Held, der die wirklich mutige Tat des Aufdeckers übernommen habe, der junge US-Soldat Bradley Manning, stehe als Loser da und viel zu Wenige setzten sich für ihn ein. Manning wurde relativ schnell enttarnt und sitzt derzeit in Einzelhaft. Amnesty International hat kürzlich auf die an Folter grenzende menschenunwürdige Behandlung des Gefangenen hingewiesen. Die Anklagebehörde erweitert ihre Anschuldigungen systematisch bis hin zur Aussicht auf ein Todesurteil und erklärt zugleich, dieses nicht exekutieren zu wollen (wie den ORF-Nachrichten v. 3.3.2011 zu entnehmen war).

 

 

 

Wahrheit um jeden Preis

 

Ausführlich wird dargestellt wie WikiLeaks zu seinen Daten gekommen ist: Zunächst hat man angeblich chinesische Datendiebe, die westliche Quellen ausspionierten, ihrerseits bestohlen, heißt es da, später wurde dann der junge US-Soldat Bradley Manning zum wichtigsten Verbündeten: Manning soll praktisch alles von dem weitergegeben haben, was WikiLeaks im letzten Jahr weltberühmt machte. Breiten Raum nehmen auch die internen Streitigkeiten der kleinen Gruppe um den Gründer ein, die Mitstreiter zum Aussteigen bewogen haben. Aus Augenzeugenperspektive wird auch der Streit darum geschildert, welche Medien das WikiLeaks-Material publizieren durften und wie schwer sich diese Medien selbst beim Umgang mit den Materialien taten.

 

Ebenso spannend ist aber auch die Diskussion der Frage, wie weit radikale Transparenz gehen darf, ob es nicht auch legitime Staatsgeheimnisse gibt, ob WikiLeaks als eine Art „Geheimdienst des Volkes“ fungieren könne und was diese Veröffentlichungen für die Zukunft des investigativen Journalismus bedeuten.

 

Der oft zu beobachtenden Polarisierung „pro oder contra Wikileaks“ erliegen die Spiegel-Journalisten nicht. Vielmehr geben sie Einblicke in die Leidenschaften und Schwächen der Person Julian Assange. Nach meiner Einschätzung geht es aber den beiden Autoren nie darum, diesen Mann vorzuführen, sondern um die Ideen und Ziele, Informationen über Mißstände in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ohne Gefahr für die Quelle ans Tageslicht zu fördern. Die Diskussion darüber, ob es Transparenz um jeden Preis geben soll, ist so aktuell wie nie zuvor und sie wird noch weiter zu führen sein. A. A.

 

Rosenbach, Marcel; Stark, Holger: Staatsfeind WikiLeaks. Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert. Frankfurt/M.: DVA, 2011. 336 S. (Ein SPIEGEL-Buch) € 14,99 [D], 15,40 [A], sFr 25,50

 

ISBN 978-3421-04518-8