„Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?“, so der Titel der ersten von drei Vorlesungen, die Peter Bieri im Frühjahr 2011 in Graz gehalten hat. Ohne Umschweife kommt er dabei auf die in diesem Zusammenhang – zumindest auf den ersten Blick – selbstverständlichen, ja unabdingbaren Voraussetzungen zu sprechen: auf Würde und Glück. Doch Peter Bieri, der als Philosoph, zuletzt an der FU Berlin, als Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften und (unter dem Namen Pascal Mercer) auch als Autor von bisher vier Romanen von sich reden machte, gibt sich – man sollte es wissen – mit dem offensichtlich Selbstverständlichen nicht zufrieden. Leise, bedächtig und doch bohrend fragt er nach und eröffnet so unerkundete Räume des Bedenkenswerten. Selbstbestimmung, so eine erste These, bedeutet nicht nur, Anderen gegenüber unabhängig zu sein. In zweiter Lesart gehe es vielmehr darum, „Autor und Subjekt meines Lebens zu werden, indem ich Einfluss auf meine Innenwelt nehme, auf die Dimensionen meines Denkens, Wollens und Erlebens …“ (S. 9). Dies wiederum bedeutet, sich um sich selbst kümmern zu können und erfordert, „einen inneren Abstand zum eigenen Erleben aufzubauen“ (S. 12). Um nicht weniger geht es, als die „Logik seines [eigenen] weniger bewussten Lebens zu durchschauen“ (S. 15). „Um sich selbst zur Sprache zu bringen“, müssten wir auf der Suche nach gedanklicher Klarheit und Übersicht vor allem zwei Fragen stellen: „Was genau bedeutet das?“ und „Wo-her eigentlich weiß ich das“?, denn nur so kann es gelingen, „Erinnerungen zu ordnen“ und uns „Selbstbestimmung aneignen“ (S. 24). Literatur und der „Blick der Anderen“ können dabei hilfreich sein, solange wir diesen als „moralische Intimität“ empfinden, ihm, wo erforderlich aber auch standzuhalten vermögen. Um all dies zu erfahren und erproben zu können, sei, so Bieri zu Ende des ersten Abschnitts, eine „Kultur der Stille wünschenswert, die es ermöglicht, zu seiner eigenen Stimme zu finden.“ (S. 34) Selbsterkenntnis, so führt der Philosoph im zweiten, hier wiedergegebenen Vortrag aus, erfordert den Blick nach außen, denn „längerfristig handeln können wir nur, wenn wir eine Ahnung von der Richtung unseres Lebens haben …“ (S. 35). Wohl aus eigener Erfahrung empfiehlt Bieri hierzu auch die Erkundung des Selbst in der Aneignung des Schreibens. Denn, allgemeiner formuliert: „Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst eine Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.“ (S. 46) Selbsterkenntnis werde so zu einer Quelle von Freiheit und Glück. In der dritten, abschließenden Lesung spürt Bieri den Voraussetzungen kultureller Identität nach. In und zugleich über Sprache sprechen zu können, sieht er – hier Wittgenstein nahe – als Bedingungen für die Ausbildung kultureller Identität in Gemeinschaft. In diesem Kontext von zentraler Bedeutung sei Bildung, verstanden als Fähigkeit, „Vertrautes zu verfremden, um es später, wenn es transparenter geworden ist, erneut zu etwas Eigenem, Vertrauten zu machen“ (S. 68). Kultur, so ein weiterer zentraler Gedanke, werde erfahren und geprägt durch Vorstellungen von Intimität und Fremdheit sowie durch die Unterscheidung von Privatem und Öffentlichem. Und was, fragt Peter Bieri hier eher beiläufig, haben Arbeit und Geld mit Würde und Selbstbestimmung zu tun? Auch hier gehe es darum, „sich darüber klar zu werden, wer man sein möchte: Man vergegenwärtigt sich“ – so des Autors idealistische Sichtweise – „welche blinden Prägungen man erfahren hat (…) und entschließt sich am Ende angesichts wahrgenommener und verstandener Alternativen zu einer eigenen Sicht auch in diesen Dingen.“ (S. 74) Auch wenn hier Wunsch und Wirklichkeit doch mehr und mehr auseinanderdriften, ist Bieri wohl zuzustimmen, wenn er darauf insistiert, dass entfaltete kulturelle Identität immer auch bedeutet, moralische Stellung zu nehmen, „sich einzumischen, wenn man von Grausamkeit erfährt“ (S. 77). Bei der Frage nach religiöser und säkularer Identität gehe es letztlich um Lebenssinn und Glück. Aus religiöser Sicht „liege Glück in seinem Beitrag zu etwas, des-dessen Bedeutung weit über mich hinausreicht“. Im Fall einer weltlichen, säkularen Identität hingegen „schaffe ich den Sinn meines Lebens selbst, er ist wandelbar, und ich anerkenne keine Autorität, die mich darüber belehren könnte“ (S. 79f.). Wie auch immer wir uns entscheiden, es geht darum, „ein klares Bewußtsein davon zu haben, was wir für wichtig erachten. Sich selbst in diesem Sinn zu kennen und zu verstehen, ist ein wesentlicher Bestandteil von Bildung“ (S. 80). Eine bedächtige Annäherung an das, was Freiheit, Selbstbestimmung und Glück bedeuten können und somit ein Hinweis darauf, worauf es im Leben tatsächlich ankommen könnte. W. Sp.

 

Bieri, Peter: Wie wollen wir leben? St. Pölten (u. a.): Residenz Verl., 2011. 91 S., € 16,90 [D], 17,40 [A], sFr 29,60 ; ISBN 978-3-7017-1563-3